Berlin : Mehran (Geb. 1962)

Die einen wussten es, die anderen nicht: Die orientalische Linie.

Sebastian Ratt,e

Anfang der siebziger Jahre waren kurze Hosen noch kein Problem im Iran, schon gar nicht für kleine Jungs. Mehran hätte trotzdem niemals eine getragen. Als Folge einer Kinderlähmung war sein rechtes Bein verkürzt, aber durch eine geschickte Gehtechnik und weite Hosen konnte er das gut kaschieren. Wem es dennoch auffiel, den machte Mehran es mit seiner Fröhlichkeit vergessen. Sich nichts anmerken zu lassen, das hatte er früh gelernt.

Der Vater starb vor seiner Geburt, Mehran wuchs allein bei seiner Mutter in Teheran auf. Die Behinderung, eine Kindheit ohne Vater, er empfand beides als Makel, Tabuthemen über die er nicht gerne sprach.

Wie viele seiner Altersgenossen hielt er es irgendwann nicht mehr aus in der neuen islamischen Republik des Ajatollah Chomeini. Er war 22, als er flüchtete. Durch den Norden Irans ging es über die Berge in den kurdischen Teil der Türkei. Von dort aus schlug er sich per Bus und Anhalter durch bis zum Bosporus. In Istanbul schien es nicht mehr weiterzugehen. Kanada, sein Traum, war Welten entfernt, Europa lag vor ihm. Und er saß fest, in einem schäbigen Hotel, und hatte kein Geld mehr.

Es war eine alte Angewohnheit, die ihn rettete. In jeder Mokkatasse, die ausgetrunken herumstand, las er den Kaffeesatz. Seine eigene Zukunft, die der anderen. Mit Charme und Überzeugungskraft gab er seine Erkenntnisse weiter. Jemand im Hotel schlug ihm ein Geschäft vor: Er kümmere sich um die Kunden, Mehran um deren Zukunft, die Einnahmen würden sie teilen. Zwei Monate später traf Mehran in Deutschland ein.

Das Asylverfahren ging glatt durch, die Sprache lernte er leicht. In Berlin, an der Freien Universität studierte er Psychologie. Außerdem genoss er die große Stadt; wenn er die Nächte durchtanzte, war er glücklich. Auf der Tanzfläche fiel sein kurzes Bein nicht auf. Ein hübscher, sportlicher Junge mit einer gewinnenden Heiterkeit, vielleicht ein bisschen eitel, wie gute Tänzer eben sein müssen. Um ihn herum die Freunde, auch Mädchen, manchmal ein Flirt, eine Freundin. Mehran war ein Frauentyp.

Die Beziehung zur Familie, zur Mutter vor allem, brach nie ab. Aus der Ferne schaute man mit Stolz auf den jungen Psychologen. Er begann ein zweites Studium, Medienpsychologie an der TU. Dort traf er Nicolas, einen nachdenklichen, ernsten jungen Mann. Die beiden mochten sich, besuchten zusammen die Seminare, schrieben eine gemeinsame Diplomarbeit. Nicolas war von großer Intelligenz – und ganz anders als Mehran: introvertiert, fast scheu, mit wasserblauen Augen und hellem Haar. Wann genau sie zusammenkamen, ein Männerpaar wurden, das weiß keiner mehr, Mehran hätte es vermutlich selbst nicht sagen können. Aber Nicolas war die Liebe seines Lebens. Über zehn Jahre waren sie ein Paar. Mehran war auch ein Männertyp.

Wie meistert man sein Leben? Auf was kann man stolz sein, auf was nicht? Fragen, auf die in der arabischen Kultur vor allem die Familie Antworten weiß. Mehrans Mutter, seine geliebte Tante, aber auch die Familie seines Vaters, seine älteren Brüder, sie alle hielten große Stücke auf ihn. Der Junge machte ja alles richtig, und er war ein Sunny-Boy, ein Glückskind, betrat er einen Raum, war er bald der Mittelpunkt.

Unmöglich, seine Liebe zu einem Mann öffentlich zu machen. Er sprach nicht darüber, die Freunde bekamen es mit – und waren nicht mal überrascht. Eine Erleichterung war das, aber er zog eine unsichtbare Grenze zwischen jenen Menschen, die es wussten und denen, die es nicht wissen sollten. Seine Familie durfte es nie erfahren. Ein Freund, Iraner wie er und auch schwul, nennt das „die orientalische Linie“. Je größer die Achtung, je herzlicher das Lob, desto größer die Fallhöhe. Wo Familienstolz und Familienehre Lebenselixier sind, kann Homosexualität ein Gift sein.

Dass Mehran irgendwann damit begann, anderen Leuten zu erklären, wie sie mit dem Schwulsein umgehen konnten, hatte für ihn nichts Ironisches. Die Arbeit als Psychologe in der Berliner Schwulenberatung war mehr als ein Traumjob, sie war eine Befreiung, eine Heimat. Er lebte jetzt, mit 38 Jahren, ein blühendes Leben. Zwei Jahre später kam der Krebs.

Arbeiten wollte Mehran bis zum Schluss, er wollte kein Rentner werden. „Es hat ihm gut getan den Leuten zu helfen. Das ließ ihn an seiner Situation nicht verzweifeln“, sagt sein Chef in der Schwulenberatung, der auch ein guter Freund war. Oft musste er Mehran nach Hause schicken, damit er sich dort ausruhte.

Drei Wochen vor seinem Tod reiste Mehran zum letzten Mal in den Iran. Vielleicht wollte er sich verabschieden, es war nicht sicher, ob die Mutter ein Visum für Deutschland bekommen würde, aber vor allem wollte er einiges klarstellen. Er wollte seiner Mutter sagen, dass er ein gutes Leben gelebt hat, ein schönes, auch wenn es nicht den Konventionen entsprochen haben mag. Mit großen Erwartungen ist er aufgebrochen, stumm und enttäuscht kam er zurück. Er hat es sich nicht getraut.

Seine Freunde glauben, dass es gar nicht nötig war, etwas auszusprechen. Dass es auch heute nicht nötig ist. Auf die Frage, welcher Name in der Zeitung erscheinen soll, antwortet seine beste Freundin: „Nennen Sie ihn einfach bei seinem Vornamen. Mehran bedeutet Sonnenstrahl, genau das war er“. Auch seine Mutter, da sind sich alle sicher, wusste um ihren Sohn und liebte ihn ganz selbstverständlich, so wie er war. „Sie wollte es aber weder laut ausgesprochen haben, noch wollte sie es selbst laut sagen.“ Sie war noch in Berlin, zwei Tage bevor Mehran ins Koma fiel. Sebastian Rattunde

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