• „Mehrarbeit für Lehrer ist nicht das zentrale Problem“ FU-Professor Dieter Lenzen über Ursachen von Burnout

Berlin : „Mehrarbeit für Lehrer ist nicht das zentrale Problem“ FU-Professor Dieter Lenzen über Ursachen von Burnout

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Der Senat hat heute entschieden, dass die Lehrer mehr unterrichten sollen. Schon jetzt erreicht kaum einer die Pensionsgrenze und viele sind burnoutgefährdet. Müssten Sie als Erziehungswissenschaftler nicht abraten, die Pflichtstundenzahl noch mehr anzuheben?

Mehrarbeit ist nicht das zentrale Problem. Burnout ist keine direkte Folge von Überlastung und Stress, sondern eine Folge vom falschen Umgang damit. Wir sehen ja, dass nicht alle Lehrer erkranken. Das Erkranken ist die Ausnahme.

Wie soll man denn mit dem objektiv vorhandenem Stress umgehen?

Die Lehrer brauchen mehr Routine. Aber die Vorstellung, dass Unterricht zum erheblichen Teil Routine ist, widerspricht dem Selbstverständnis vieler Lehrer. Sie lehnen Routine ab und lernen sie nicht.

Aber das ist doch zum Teil auch auf die Praxisferne des Lehrerstudiums zurückzuführen, das von den Universitäten geboten wird.

Es stimmt, dass die jetzige Ausbildung zu wenig beiträgt zur Professionalisierung des Lehrerberufs. Das liegt auch an den getrennten Ausbildungsphasen: erst das Fachstudium, dann das Referendariat. Aber das wird jetzt stärker verzahnt, damit die Studenten auch schon während des Fachstudiums mehr über ihren künftigen Beruf erfahren.

Wie kann man verhindern, dass ungeeignete Persönlichkeiten den Lehrerberuf ergreifen?

Zum einen muss man im Studium zwei Wege offen halten, damit es am Ende nicht nur die eine Möglichkeit gibt, in die Schule zu gehen. Zum anderen müssen sich die Studenten rechtzeitig fragen, ob sie geeignet sind: Ob sie zum Beispiel kommunikativ genug sind. Und sie müssen sich fragen, ob sie der Anstrengung rein körperlich gewachsen sind, und ob ihr Selbstverständnis diesem Beruf entspricht. Und sie müssen sich ständig fortbilden. Ohne Fortbildung gibt es keine Professionalität.

Was kann der Schulleiter tun, um potenziellen Burnout-Kandidaten zu helfen?

Schulleiter sollten sich an großen Firmen orientieren, die nach längeren Erkrankungen mit dem Mitarbeiter Gespräche führen, um mögliche betriebliche Ursachen der Erkrankung herauszufinden. Dazu gehört natürlich, dass Schulleiter Führungsqualitäten haben oder entsprechende Fortbildungen besuchen. Sie müssen auch eingreifen, wenn Kollegen-Mobbing krank macht. Wir haben im pädagogischen Bereich überhaupt keine entwickelte Personalführung. Schulleitung heißt übrigens auch: auf Distanz gehen. Keine Brüderschaft mit den Kollegien. Und Schulleitung darf nur ein Amt auf Zeit sein.

Viele Lehrer glauben, dass sie weniger Probleme hätten, wenn sich Sozialpädagogen um schwierige Schüler kümmern würden.

Das ist der Versuch, Verantwortlichkeiten abzuschieben und die Arbeit aufzuspalten. Unterricht erzieht. Man muss den Unterricht besser machen. Im Übrigen: was heißt „schwierig"? - doch zunächst einmal, dass ich damit nicht umgehen kann.

Ist Schule mit verbeamteten, unkündbaren Lehrern eigentlich reformierbar?

Das Problem ist nicht der Beamtenstatus. Entscheidend ist, dass die Schulen das Recht erhalten, Lehrer auszuwählen. Dann bekommen wir einen Wettbewerb unter den Lehrern, an einer guten Schule zu unterrichten und einen Wettbewerb um gute Lehrer.

Aber eine Schule wird doch unter den jetzigen Bedingungen unfähige Lehrer gar nicht los.

Wir merken doch nicht einmal, welches die Unfähigen sind. Dazu müsste man erst mal die Türen öffnen und evaluieren. Es gibt immer Schlusslichter, aber man sollte sie anders einsetzen. Etwa für die Bibliothek. Außerdem würde eine leistungs- und belastungsbezogene Bezahlung den Schulen gut tun. Auch hier wäre der Schulleiter gefragt, der allerdings darauf achten muss, dass die Belastungen nicht zu ungerecht verteilt sind.

Viele burnout-erkrankte, aber auch gesunde Lehrer sagen, dass sie besonders unter ihrem schlechten Image leiden.

Es gibt ein Missv erhältnis zwischen dem Selbstverständnis der Lehrer und den Erwartungen der Gesellschaft. Die Lehrer müssen sich aber konfrontieren mit diesen Erwartungen, sie annehmen und erfüllen. Wenn eine Klasse schlechte Leistungen zeigt, wird das bei uns leider noch immer gern der Klasse und nicht dem Lehrer zugeschrieben. Die Lehrer sollten sich ihrer Verantwortung stellen. Allerdings muss man zugeben, dass die Erziehungsmöglichkeiten, die die Lehrer heute noch haben, erheblich eingeschränkt wurden. Damit ist es auch schwieriger als vor 50 Jahren, die Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen.

Das Gespräch führte Susanne Vieth-Entus .

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