Mehrsprachige Wahlwerbung in Berlin : Kampf um Wähler mit Migrationshintergrund

In Berlin gehen immer mehr Wähler mit ausländischen Wurzeln an die Urnen. Das haben auch die Parteien erkannt und werben mehrsprachig um Stimmen - doch diese Taktik stößt nicht überall auf Zustimmung.

Karoline Kuhla
Auf geht’s an die Urne. Um möglichst viele Wähler zu erreichen, werben Berliner Politiker auch in fremden Sprachen.
Auf geht’s an die Urne. Um möglichst viele Wähler zu erreichen, werben Berliner Politiker auch in fremden Sprachen.Foto: dpa

„Sevgili seçmenler“, prangt groß auf dem Flyer in grüner Farbe. „Lieber Wähler“ heißt das übersetzt. Nicht nur mit dieser Ansprache, sondern mit einem komplett auf Türkisch verfassten Text werben die Grünen um die Stimmen der türkischstämmigen Wähler. Auch auf Russisch und Englisch haben die Grünen den Flyer im Angebot. Mit ihrer Taktik, Wähler mit ausländischen Wurzeln in ihrer Muttersprache anzusprechen und zu informieren, sind die Grünen nicht allein. Im BVG-Fernsehen „Berliner Fenster“ läuft mehrmals am Tag ein Wahlfilmchen der Linkspartei. Doch wer kein Türkisch versteht, sieht bei jedem zweiten Spot unverständliche Worte neben den Bildern von Angela Merkel und Rainer Brüderle, denn der kurze Film wird abwechselnd mit deutschen und türkischen Texten gezeigt.

Es ist eine Grundsatzfrage: Erwartet die Gesellschaft auch von Wählern mit ausländischen Wurzeln, dass sie sich auf Deutsch informieren? Oder ist es ein besonderer Service, fremdsprachige Flyer, Plakate und Wahlspots anzubieten? Die Bundesverbände der Parteien stellen in der Regel Flyer oder das jeweilige Kurzprogramm mehrsprachig zur Verfügung – so können Wähler die Pläne der FDP über deren Homepage auf Englisch, Spanisch, Türkisch, Schwedisch, Italienisch, Russisch, Finnisch und Arabisch herunterladen. Die Sozialdemokraten bieten „Gute Gründe für die SPD“ immerhin auf Arabisch, Englisch, Polnisch, Russisch, Serbisch und Türkisch an.

Je nach Wahlkreis halten einige Berliner Kandidaten auch persönliche Flyer in anderen Sprachen bereit. Cansel Kiziltepe, Direktkandidatin der SPD für den Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg und Prenzlauer Berg Ost, verteilt den Flyer zu ihrer Person auch auf Türkisch. Kiziltepe hat selbst türkische Wurzeln und sieht darin die beste Möglichkeit, Wähler zu erreichen: „Es ist leider noch so, dass nicht alle Menschen in Kreuzberg die deutsche Sprache so beherrschen, dass sie politische Programme verstehen.“ Grundsätzlich gehöre es für sie zur Integration dazu, die deutsche Sprache zu lernen, sagt Kiziltepe. Die Integrationsprogramme seien zwar gut, jedoch leider noch nicht so lange etabliert und von ihrem Umfang her nicht ausreichend. Für Neukölln hat sich CDU-Direktkandidatin Christina Schwarzer anders entschieden: „Wir können nicht von den Eltern fordern, ihre Kinder in die Kita zu schicken, damit sie Deutsch lernen – und dann den Eltern Flyer auf Arabisch geben.“ Ihre grüne Konkurrentin Anja Kofbinger verteilt dagegen Flyer auf Türkisch und Arabisch.

Anderer Bezirk, andere Zielgruppe: In Marienfelde und Lichtenrade geht es um die Stimmen der Russlanddeutschen. Die SPD-Direktkandidatin für Tempelhof-Schöneberg, Mechthild Rawert, wirbt auf ihrer Homepage auf Russisch sowie auf Türkisch und Italienisch. Und auch FDP-Kandidat Holger Krestel bietet in diesem Wahlkreis Flyer auf Russisch an – mit angepassten Themen wie Integration und der Anerkennung ausländischer Abschlüsse.

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