Mein Berlin : Ich wähle Ernst!

Wahlkampf ist eigentlich eine Verpackung, die mit Inhalt gefüllt sein sollte. Doch in Berlin ist Wahlkampf manchmal nur Dekoration, manchmal nur ein Witz. Warum unsere Kolumnistin trotzdem wählen geht.

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Hatice Akyün.
Hatice Akyün.Foto: Andre Rival

Überall treffe ich in diesen Tagen auf Leute, die über die Wahl im September reden wollen. Meine Nachbarin mit dem SUV, die Grün wählt, mein Schuster, einer der letzten CDU-Wähler der Stadt, der Schnösel aus dem In-Café, der stolz berichtet, sozialdemokratisch zu sein, meine Babysitterin, die links wählt und mein Steuerberater, der bei der vergangenen Bundestagswahl noch von Westerwelle schwärmte und ihn heute nicht mehr kennen will.

Und ich? Ich denke, dass Wahlkampf eigentlich nur Verpackung ist, die mit Inhalt gefüllt sein sollte. Aber was passiert, wenn die Hülle leer ist? Dann verkommt Wahlkampf zur Dekoration. Manchmal ist Wahlkampf aber einfach nur ein Witz. „Wir meinen, dass es eine nette Geste wäre, in Paris nach Croissants statt nach Schrippen zu fragen“, steht auf einem der FDP-Plakate. Bevor Sie jetzt lange überlegen, was damit gemeint sein könnte, verrate ich es Ihnen: Es geht um Integration. Da wünscht man sich insgeheim den 18-Prozent-Aufkleber auf Westerwelles Schuhsohlen zurück. Das war zumindest eine klare Botschaft.

Wenn ich mir die Wahlplakate der Parteien vor meiner Haustür anschaue, befürchte ich fast, dass mein Biogemüse mehr Verwertbares beinhaltet. „Mindestlohn ist eine Brückentechnologie“, „Berlin verstehen“, „Damit sich was ändert“, „Warum teilt die FDP nicht den Traum einer autofreien Stadt?“ Antwort: „Weil keine Frau der Welt mit dem Fahrrad in den Kreißsaal will“, „Da müssen wir ran“, „Privat ist Katastrophe“.

Wann werden Politiker verstehen, dass die Wähler gar nicht „eingekauft“ werden wollen? Ein wenig Substanz würde ihnen schon genügen. Der Wähler weiß beispielsweise, dass seine Stadt gerade auseinanderkracht, dass Geld nicht über Rucksacktouristen reinkommt, sondern über Gewerbesteuern. Die aber in Berlin fast mit der Hundesteuer konkurriert.

Die Wahlspots der Parteien sind nicht erhellender. Kein einziges gesprochenes Wort bei der SPD, stattdessen Schnittbilder aus dem Bilderbuch der Videovorlagen. Wen soll der CDU- Spot ansprechen? Diejenigen, die nicht mehr SPD wählen wollen, weil sie auf Veränderung hoffen? Frank Henkel bietet allerdings dafür keinen politischen Griff, um sich daran festhalten zu können. Der iPhone-Wahlkampf der Grünen ist zwar megatrendy, geht aber auch an der Mehrheit der Stadt vorbei, und die Linke fordert noch einmal das ein, was sie in zehn Jahren Mitregierung nicht umgesetzt bekam.

Der Berliner Wahlkampf in Bildern
Der Erfolg der Piratenpartei zeigt, welche politische Dynamik die digitale Revolution, das Internet und die sozialen Netzwerken in sich bergen. Die etablierte Politik tut sich damit extrem schwer.Weitere Bilder anzeigen
1 von 32Foto: dapd
07.09.2011 10:07Der Erfolg der Piratenpartei zeigt, welche politische Dynamik die digitale Revolution, das Internet und die sozialen Netzwerken in...

Bei Kindern wächst bis zum 14. Lebensjahr der vordere rechte und der linke Gehirnlappen zusammen. So entwickelt sich das Bewusstsein. Bis dahin denken sie, die Umwelt um sie herum wäre nur für sie erbaut. Nach dem Zusammenwachsen der Lappen merken sie, dass sie Teil des Ganzen sind. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es in der Berliner Politik andersherum ist. Die ganze Stadt dient als Hintergrundkulisse, in der die Politiker mit sich selbst oder miteinander spielen. Geboten werden Schlagworte und bis zur Unkenntlichkeit photogeshopte Gesichter, jeweils im Bilderrahmen der Partei.

Bleibe ich nun nach dieser Schelte bei der Wahl zu Hause? Nein! Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau sagte: „Es gibt zwei Gründe zu wählen: Was bringt es mir und was bringt es der Allgemeinheit.“ Das auszupendeln, zeichnet Demokraten aus. Die Kolumnistin Hatice Akyün, mutterseelenallein auf der Welt, würde sicherlich eine andere Partei wählen, als die Alleinerziehende, oder die Migrantin, oder das Arbeiterkind. Ich wähle die, die meine ganze Stadt im Blick haben. Nicht aus Liebe, sondern trotzdem. Für den Vertrauensvorschuss erwarte ich nicht einmal eine große Rendite. Nur mehr Ehrlichkeit und mehr Ernsthaftigkeit.

Oder wie es mein Vater sagen würde: „Bal demekle agiz tatlanmaz“ – indem man Honig sagt, wird es im Mund nicht süß.

Die Autorin lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Ihre Kolumne erscheint jeden Montag.

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