Mein Berlin : Lob des Doppelfensters

Notizen aus der globalen Stadt von Hatice Akyün

Mein Vater hat eine große Liebe zu doppelverglasten Fenstern. Mit dieser Begeisterung steht er nicht alleine da. Bundeskanzlerin Angela Merkel antwortete auf die Frage, welche Empfindungen Deutschland in ihr weckt: „Kein anderes Land kann so dichte und so schöne Fenster bauen.“ Als mein Vater in unserem alten Zechenhaus in Duisburg die ersten Fenster einsetzen ließ, musste jeder einmal seiner Beweisführung für die Spitzenqualität lauschen. Er öffnete die Fenster und fragte: „Hörst du das?“ Dann schloss er es „Hörst du das? Nix hörst du.“ Dann machte er es noch dreimal auf und zu und strahlte übers ganze Gesicht. Als jeder in der Familie und auch die Nachbarn überzeugt worden waren, dass ein Leben ohne doppelverglaste Fenster grauenvoll sei, durfte meine Mutter endlich die praktischen Fenster mit schweren, dekorativen Stoffen verhängen.

In meiner Kindheit war die Lieblingsantwort meines Vaters auf alle Fragen und Wünsche: „Wenn wir erst ein Haus in der Türkei haben ...“ Meine Geschwister und ich konnten die Sehnsucht nicht ganz nachvollziehen, lieber hätten wir zu Hause in Duisburg ein richtiges Badezimmer gehabt statt einer provisorischen Dusche. Wenn Reparaturen im Haus anstanden, überlegte mein Vater genau, ob es sich noch lohnen würde, das zu richten.

Eine der größten Schnittmengen zwischen Deutschen und Türken ist, dass sie leidenschaftliche Handwerker sind. Die Bastelstunde am Wochenende, das Zusammentragen von Baumaterial und der notwendigen Werkzeuge ist für meinen Vater zur Berufung geworden. Seit ich denken kann, wünscht sich mein Vater einen Ingenieur als Schwiegersohn. Monatelang hat er versucht, mich mit einem entfernten Verwandten zu verkuppeln, der in München Maschinenbau studierte. Er fände es sehr praktisch, einen Ingenieur in der Familie zu haben, der ihm bei Reparaturen zur Hand gehen könnte. Doch bisher reichte es bei seinen Schwiegersöhnen nur für einen Automechaniker, einen Betriebsleiter und einen türkischen Beamten. So sucht er den fachlichen Austausch in diversen Baumärkten rund um Duisburg und hat ein Thema gefunden, über das er jederzeit mit Hobbyhandwerkern kommunizieren kann. Manchmal in seiner Muttersprache und manchmal mit Händen und Lauten, wenn er versucht, dem Baumarktverkäufer seine neueste Entdeckung zu erklären.

Übrigens hat sich viel getan in den letzten Jahren, zumindest bei meinen Eltern. Sie haben das kleine Zechenhaus gekauft und jede Diele, jede Stromleitung erneuert. Meine Mutter hat sogar ihre schweren Teppiche gegen Parkett ausgetauscht. Die Böden wurden abgeschliffen und neu versiegelt. Das Badezimmer ist längst hochmodern mit allen Annehmlichkeiten, von der Dusche bis zur runden Badewanne. Mein Vater zeigt bei jedem meiner Besuche stolz, was er für Verbesserungen in seinem Haus eingebaut hat. Wie herrlich hätte doch meine Kindheit sein können, wenn es die Baumärkte schon früher gegeben hätte.

Wenn man es schaffen könnte, die Lebensqualität der Menschen in den Vierteln wie Neukölln, Wedding, Hohenschönhausen oder meinem alten Stadtteil Marxloh wieder zu steigern, wäre das ein erster Anfang für eine bunte Stadt. Und durch die Eigenleistung der Einwohner wären diese Wohnungen nicht nur schön, sondern auch bezahlbar.

Ich habe meinem Vater einen Prospekt über dreifach verglaste Fenster mitgebracht. Nicht, dass er sie bräuchte, unser Haus liegt in einer Sackgasse, in der pro Tag höchstens drei Autos vorbeifahren. Seit meinem Besuch streift er wieder täglich durch die Baumärkte. Meine Mutter hat für derlei Modernisierungs-Enthusiasmus kein Verständnis. Sie ist der Meinung: Iki gönül bir olunca samanlik seyran olur – wenn zwei Herzen eins sind, wird die Scheune zum Palast.

Die Autorin lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Ihre Kolumne erscheint jeden Montag.

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