Berlin : Mein erster sozialistischer Liebesknochen ... oder: Gibt es in der DDR Schokolade?

Thomas Lenth

Meine wohlbehütete Kindheit begann im kapitalistischen Westen inmitten einer bunten Warenwelt, deren Reizen ich nur schwer widerstehen konnte. Es gab keine Süßigkeit, die ich nicht neugierig durch meine Hände gleiten ließ, um sie dann in meinen Schlund zu werfen. Mit sechs Jahren hatte ich die gesamte Produktpalette der bundesdeutschen Süßwarenindustrie probiert. Ob Haribo, Milka, Raider oder Smarties, ich kannte sie alle. Dabei entwickelte ich einen für meine Eltern nur schwer zu ertragenden Anspruch auf Qualität. Meine Vorliebe für Luxusschokolode belastete die Haushaltskasse so massiv, dass sich meine Eltern zu einer gemeinen Tat hinreißen ließen. Als ich wieder einmal publikumswirksam um Schokolade bettelte, überraschte mich meine Mutter mit der Ankündigung, dass wir in den Urlaub fahren würden und deshalb sparen müssten.

„Wohin fahren wir denn?“, fragte ich neugierig. „Zu deiner Tante in die DDR!“, triumphierte meine Mutter süffisant. „Zwei Wochen in den Sommerferien!“ Die Worte Tante und Ferien verstand ich, das Land mit den drei Buchstaben aber kannte ich nicht. Misstrauisch hakte ich nach: „Gibt es da Schokolade?“– „Jaaaa, klar!“, versicherte meine Mutter.

Bald schon aber mischte sich ein Unbehagen in meine kindliche Euphorie. Natürlich wollte ich der ganzen Welt von unserer Reise erzählen, doch statt der erwarteten freudigen Reaktionen erntete ich nur entsetztes Schweigen oder mitleidiges Kopfschütteln. Ich begann misstrauisch zu werden und wandte mich an meinen besten Freund Peter. „Du, Peter, ich fahr in den Ferien in die DDR. Soll ich dir was mitbringen? Da gibt es ganz tolle Schokolade!“ „In der DDR gibt’s keine Schokolade!“, sagte er trocken. „Mein Papa sagt, da ist Sozialismus. Da gibt es noch nicht mal Klopapier!“ Entsetzt wich ich zurück. Peter hatte mich noch nie angelogen.

In den letzten Tagen vor der Abfahrt in die schokoladenfreie Zone begann ich meine Vorräte zu horten. Meine Schoko-Notration für den sozialistischen Alltag packte ich sorgfältig und gut versteckt in meine Reisetasche. Wir hatten Glück. Trotz vielfältiger Drohgebärden verzichteten die Zöllner auf eine Durchsuchung, und mein süßes Schmuggelpaket gelangte unbehelligt in die DDR. In Ost-Berlin warteten schon meine Tante und mein Onkel, um uns mit ihrem Trabant in sengender Sommerhitze weiter ostwärts bis nach Eisenhüttenstadt zu fahren. Während die Erwachsenen sich schnatternd in die Küche begaben, fiel ich über meine Tasche her. Doch statt auf wohlgeformte Schokolade blickte ich auf einen einzigen matschigen Schokoladenbrei. Die sächselnden Grenzschergen hatte ich zwar besiegt, aber gegen die sommerliche Sonne war selbst ich machtlos. Resigniert schlich ich ebenfalls ins Haus. Zwei Wochen ohne Schokolade!

Kaum einer der Erwachsenen schien die Trauergestalt auf dem Hocker wahrzunehmen, alle unterhielten sich prächtig. Schließlich löste sich meine Tante aus der Runde und steuerte mit einem Tablett auf mich zu. „Na Thomas, wat guckste denn so traurig? Wie wär’s mit ’nem Liebesknochen?“ Na toll, dachte ich mir, jetzt macht sich auch noch die eigene Verwandtschaft über dich lustig. „Liebes...was?“, stotterte ich, doch da erblickte ich schon die Prachtparade vor meinen Augen. Ein ganzes Backblech von diesen Liebesdingern strahlte mich an. Vorsichtig nahm ich ein Exemplar und biss hinein. Mit einem Schlag verflog mein Frust, und während ich noch laut schmatzend den Rest meines ersten Liebesknochens in den Mund schob, griff ich auch schon nach dem nächsten. Meiner Tante schien das zu gefallen. „Iss nur, Thomas. Ist genug für alle da. Ich hab vier Bleche gebacken. Und wenn’s nicht reicht, mach ich halt noch ’n paar Neue.“ Genüsslich lehnte ich mich zurück und sah voller Zuversicht auf die nächsten zwei Wochen im Sozialismus, umgeben von endloser süßer Liebe.

THOMAS LENTH (40) ist Lehrer für Englisch und Geschichte an einem Oberstufenzentrum in Cottbus. Der gebürtige Hamburger und Schokoladen-Fan lebt seit acht Jahren in der Lausitz.

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