Berlin : Mein Freund, der Hai

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Von Heidemarie Mazuhn

Der neue Zoo-Direktor wohnt gefährlich. Genau unter seinem Wohnzimmer tummeln sich Haie, seine Wohnung befindet sich überm Haifischbecken. Da macht es Jürgen Lange schon mal Spaß, seinem Besuch genüsslich ein Krimi-Szenario zu entwerfen, bei dem man sich ungebetener Gäste einfach durch eine Falltür entledigt, die unter dem Teppich verborgen ist.

Ist sie natürlich ebenso wenig, wie der Hausherr nicht mordlustig ist. Freundlich gibt der gebürtige Dessauer und Chef des Zoo-Aquariums über sich Auskunft. Als Elfjähriger kam er über Berlin nach Wuppertal – „ich wurde abgehauen“, witzelt er. Seine Mutter hatte es zurück in die alte Heimat gezogen, die sie für ihren Dessauer Ehemann verlassen hatte. Der blieb im Krieg, und die Mutter wollte ihrem Sohn ein sozialistisch reglementiertes Leben in der DDR ersparen.

Jürgen Lange studierte in Münster und Kiel Biologie und Humanmedizin und arbeitete dann in der „Wilhelma“, dem zoologisch-botanischem Garten Stuttgarts. Ein fast greifbarer Traum zerschlug sich – in Bolivien hätte der junge Mann gern einen Nationalpark mit aufgebaut, Deutschland zog sich aber aus dem Projekt zurück. Da sagte er 1977 den Ruf aus Berlin nicht zum zweiten Mal ab und wurde am 1. Januar 1978 Chef im Aquarium.

Überm Haifischbecken wohnt er seit 1980. Die Bäume und Tannen, die er mit seiner Frau damals auf der Terrasse mit Blick zur Budapester Straße pflanzte, sind heute meterhoch und sprengen fast die zentnerschweren Kübel. Vorher waren die Langes im Zoo schon drei Mal umgezogen – mit größeren und kleineren Katastrophen, manche kamen gleich in Heerscharen – Ameisen und Kakerlaken. Die jetzige Wohnung hat auch ihre Tücken, schließlich ist das Aquarium ein öffentliches Gebäude. Da verirrt sich auch schon mal einer – machmal sogar mit bösen Absichten. So wie jüngst, als einer Langes Tür mit dem Hammer malträtierte.

In die leer werdende Dienstwohnung des bisherigen Zoochefs Hans Frädrich in dem Wohnhaus gegenüber dem Löwenfelsen will sein Nachfolger trotzdem nicht ziehen. Nicht, weil er in fünf Jahren selbst im Ruhestandsalter ist, sondern weil er Visionen hat. Solche, wie man das Gebäude für den Zoo nutzen könnte, aber auch solche, wie man mit neuen Erlebniswelten die allein im vergangenem Jahr über zweieinhalb Millionen Besucher auch künftig lockt.

Die Zukunft des am 1. August 158 Jahre alten Zoos will Lange gestalten, wenn er ab morgen in Personalunion Zoo- und Aquariumschef von insgesamt 13 720 Tieren und 270 Mitarbeitern ist. Er träumt laut von der Verlegung des zu abseitigen Löwentores und neuen Konzepten für das Menschenaffen- und das Raubtierhaus. Auch besucherfreundlichere längere Öffnungszeiten schweben Jürgen Lange vor und abendliche Kulturveranstaltungen. So wie vor dem Krieg, als der Zoo ein beliebter gesellschaftlicher Treffpunkt der Berliner war. In lauen Sommernächten tanzte man da auf den Zoo-Terrassen, knutschte an schummrigen Teichufern oder schwor sich ewige Treue auf der „Verlobungsbrücke“ – so nannten die Berliner den Steg hinter dem Aquarium.

Für den dort schon lange geplanten Anbau hat Jürgen Lange auch eine Idee. Von einem Restaurant träumt er, bei dem die Fische den Gästen beim Essen zusehen – oder umgekehrt. Dass man solche Träume technisch verwirklichen kann, hat der neue Zoo-Chef schon bewiesen. Seitdem vor einigen Jahren seine Aquarien-Expansionspläne in Richtung Interconti zum Erliegen kamen, lebt er mit seinem Kollegen Rainer Kaiser seine Fantasie als Berater für Großaquarien aus – „über den eigenen Tellerrand schauen“ nennt er das. In Berlin kann man nächstes Jahr davon profitieren – im Innenhof des „Domaquarees“, das, wie berichtet, neben dem Berliner Dom entsteht. Mit einem 16 Meter hohem Aquarium, in dem die Besucher mit einem gläsernen zweietagigen Fahrstuhl durch die bunte Wasserwelt gleiten können.

Ziele und Fantasie hat der neue Zoo-Direktor en gros: Nur auf eines möchte er sich nicht festlegen – auf ein Lieblingstier. Als das brachten seine Amtsvorgänger Heinz–Georg Klös und Hans Frädrich das Nashorn und das Borstenvieh ins Gerede. Nicht mal die Antilope will Jürgen Lange bevorzugen, obwohl das elegante Tier ihm doppelt Glück brachte. Seine Promotionsstudien über die Antilope führten ihn auch nach London, wo er im Studentenwohnheim eine Medizinstudentin aus Malaysia kennenlernte. 1977 wurde Paramjit seine „bessere Hälfte“ – bis es soweit war, erlebte Lange alle Hürden eines Ausländerlebens im geteilten Deutschland mit.

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