Berlin : Mein Freund, der Ingenieur

Heinrich Seidel, berühmt durch „Leberecht Hühnchen“, baute das Dach des Anhalter Bahnhofs

Andreas Conrad

Wie hatte er seinen Freund Leberecht Hühnchen um dessen Häuschen beneidet. Nun, genau genommen war Hühnchen sein Sohn, ein Kind seiner Phantasie, dessen heiteres Gemüt er, der Schriftsteller Heinrich Seidel, auf so vielen Seiten geschildert hatte. Aber ein Stachel war geblieben, da er selbst nach wie vor bei der großen Stadt, im Obergeschoss des Hauses Am Karlsbad 11, gleich vor dem Potsdamer Tor, ausharren musste, während die von ihm ersonnene Figur es schon vor Jahren zu einem Haus im idyllischen Steglitz gebracht hatte.

Immerhin, seit diesem Frühjahr 1895 war auch er Besitzer eines Landhauses, Boothstraße 29 in der Gartenstadt Groß-Lichterfelde, „sieben Minuten vom Bahnhof, acht heizbare Zimmer, prachtvoller Keller, hübscher Garten mit Obstbäumen“ – ein Idyll. Und dennoch, die Fahrt mit der Anhalter Bahn zurück nach Berlin, 9,21 Kilometer in 18 Minuten, bereitete ihm nach wie vor ein ganz besonderes Vergnügen: Dass nämlich „bei dieser Fahrt der Zug nur über Brücken geht, die von mir konstruiert sind, und dass, wenn ich in die mächtige Halle einfahre, alles Eisen, das man sieht, von dem riesigen Dache bis zu den nicht minder stattlichen Fenstern, sowie den unterirdischen Gepäckaufzügen einmal, sozusagen, durch meinen Kopf gegangen ist, und dass in dem ganzen Gewirr von Stangen, Platten und Sprossen und dergleichen kein Teilchen ist, dem nicht einst von mir der Platz angewiesen worden wäre“.

Der Schriftsteller Heinrich Seidel (1842 - 1906) und sein berühmter, einst von Hunderttausenden geliebter und noch heute nicht ganz vergessener Held Leberecht Hühnchen gelten gemeinhin als Vertreter eines mit sich und seinem Leben zufriedenen Kleinbürgertums, das sich in den Gründerjahren angesichts bescheidener wirtschaftlicher Sicherheit auf ein Puppenstubenglück zurückzuziehen versuchte, jenseits der wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen jener Jahre. Diese spiegeln sich zwar auch in den Prosaidyllen um den Lebenskünstler Leberecht Hühnchen, der noch ärmlichsten Verhältnissen einen rosaroten Schimmer zu verleihen vermag. Aber nur wenige Leser dürften gewusst haben, dass Seidel dem Aufbaufieber näher gestanden hatte, als seine biedermeierlichen Humoresken vermuten lassen.

Wie Leberecht Hühnchen und der Erzähler seiner Geschichten war Seidel ausgebildeter Ingenieur, bevor er 1880 diesen Broterwerb aufgab, um sich ganz der Dichtkunst zu widmen. Der Mecklenburger aus dem Dörfchen Perlin war 1866 nach Berlin gekommen, um an der Gewerbeakademie, einem der Vorgänger der Technischen Universität, sein Studium fortzusetzen. Die Stadt kam ihm damals wie „ein ungeheuer großes Dorf“ vor, immerhin war er gerade zu der Zeit eingetroffen, „von der aus ihr fast beispiellos schnelles Aufblühen beginnt“. Seine erste Stelle trat Seidel am 1. September 1868 bei der Wöhlertschen Maschinen- und Lokomotivenfabrik an der Chausseestraße an, mitten in „Feuerland“, wie die Gegend vor dem Oranienburger Tor wegen der dort ansässigen Eisen- und Stahlindustrie hieß. Nach zwei Jahren wechselte er zur „Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahngesellschaft“, für die er unter anderem eine hydraulische Lokomotiv-Schiebebühne in Potsdam konstruierte. Sein Meisterstück aber lieferte er bei der „Berlin-Anhaltischen Eisenbahn-Gesellschaft“ ab: die noch heute bestehenden Yorckbrücken, die Brücken über den Landwehrkanal und vor allem das Dach des Anhalter Bahnhofs.

Der Entwurf für den Neubau der Kopfstation stammte von Franz Schwechten. Der Architekt gab den Rahmen vor, innerhalb dessen der Ingenieur seine Berechnungen anstellte. Die Maße waren bis dahin auf dem Kontinent beispiellos: „eine Spannweite von 62 ½ Meter“, wie Seidel in seiner Autobiografie „Von Perlin nach Berlin“ stolz notierte. Größer waren nur noch der Hauptbahnhof von Birmingham und St. Pancras in London.

„Ich bin jedenfalls nicht wegen verfehlten Berufes unter die Schriftsteller gegangen“, pflegte Seidel später zu sagen. Seit seiner Lehrzeit hatte er ein verborgenes zweites Leben als Schriftsteller geführt. 1880 schied er aus der Bahngesellschaft aus und versuchte sich als freier, anfangs armer Poet. Erst Leberecht Hühnchen, geschaffen nach dem Vorbild eines Studienkollegen, verhalf ihm zum Durchbruch – und schließlich zum ersehnten Häuschen im Grünen.

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