Mauerfall im Fluge : Mein Schock down under

23.10.2009 20:46 UhrVon Jochen Schulze

Tagesspiegel-Leser Jochen Schulze trat im November 1989 eine weite Reise an: nach Neuseeland, und das ausgerechnet am Vorabend des Mauerfalls. Als er down under ankam, fand er seine Freunde in Tränen aufgelöst. Weinten sie seinetwegen? Weit gefehlt!

Ich plante einen längeren Aufenthalt bei Freunden in Neuseeland. Meine Freunde waren bereits 1982 nach Neuseeland ausgewandert und betrieben dort ein Motel auf der Nordinsel in Kerikeri, Bay of Islands. Ich flog am Mittwoch, den 8. November 1989,  abends von Tegel nach Frankfurt am Main und weiter nach Singapur. Der Zwischenaufenthalt dort wurde zum Fiasko. Wegen einer defekten Pumpe könne die Maschine nicht weiterfliegen, verkündete der Pilot noch im Ausrollen. Alle müssten in Singapur bleiben, sagte er.

Die Fluggesellschaft schaffte es nicht einmal, uns Passagieren, es war mittlerweile der 9.November, ein Hotel zu organisieren.

So wurden wir auf dem Flughafen mit Decken und Essen versorgt und blieben dort eine Nacht. Der Flieger sollte in der Zwischenzeit repariert werden. So saß ich da und war abgeschnitten von den  Informationen über das Weltgeschehen in dieser Zeit. Als das Flugzeug endlich wieder startklar war, ging es nach Auckland weiter. Nachrichten gab es keine.

Aber was war das? Am Gate in Auckland wurde ich von meinen Freunde erwartet, denen die Tränen über die Wangen kullerten. Ich war erst einmal zutiefst gerührt, denn ich meinte, die heulten meinetwegen. Doch mein Freund, ein echter Berliner, klärte mich auf: Die Mauer ist gefallen! Er konnte sich kaum beruhigen.

Da stand ich nun nun und dachte, ich sei im Film. Die Mauer ist weg? Vor meinem Abflug hatte es nicht die geringsten Anzeichen dafür gegeben. Mein Freund fuhr mich sogleich zu einer weiteren ausgewanderten Berlinerin, bei der wir um 20 Uhr die Nachrichten schauten. Es wurde ausführlich berichtet - immerhin zehn Minuten. Ich war tief gerührt.

Mein weiterer Aufenthalt war dann immer von einem großen Staunen begleitet, wenn ich sagte, ich komme aus Berlin. Für einen Neuseeländer spielt das weit entfernte Europa selten eine Rolle, Deutschland oder gar Berlin schon gar nicht. Nun aber war Berlin plötzlich auch dort bekannt, und ich wurde ständig dazu ausgefragt, wie das denn so war mit der Mauer. Dass diese eine Stadt in Hälften teilte, konnte sich in dem  Land mit seinen 3.5 Millionen Einwohnern mit 60 Millionen Schafen niemand vorstellen.

Als ich dann im April 1990 wieder zurück nach Berlin kam, fand ich eine total veränderte Stadt vor. Da lebte ich nun schon seit 16 Jahren in Berlin, aber alles war auf einmal wieder ganz neu.
 

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