Berlin : Mein Wahltag

Brigitte Grunert

Wie oft stand ich früher vor den Türen und lauerte auf wichtige politische Entscheidungen. Journalisten denken immer, dass hinter den Türen wer weiß was passiert. Doch so schrecklich aufregend muss es gar nicht sein. Diesmal jedenfalls geht es entspannt zu; das fällt mir als Wahlfrau der Bundesversammlung auf.

„Guten Morgen“, sagt Bundestagspräsident Thierse zur Eröffnung der Bundesversammlung. „Morgen, Herr Präsident“, echot es leise humorig im Plenarsaal. Die Stimmung ist heiter und locker. So nimmt auch niemand Thierse die Versprecher übel, etwa wenn er „Herr Professor Horst Köhler und Herr Professor Gesine Schwan“ sagt. Die einen wissen, dass Köhler siegen wird, die anderen sind fröhlich, weil Gesine Schwan eine Frau und eine ebenfalls vorzeigbare Kandidatin ist. Dann klappt alles wie am Schnürchen. Die Namen der 1205 Wahlmänner und Wahlfrauen werden aufgerufen. Niemand kann mehr etwas falsch machen, die Laufstrecke zu den Wahlkabinen und Wahlurnen ist nicht zu verfehlen. Plaudernd wartet man auf die Auszählung. Prominente Politiker muss man nicht am Gesicht erkennen. Sie haben so einen Gestus und breitschultrigen Gang wie kleine Titanen.

Spannung kommt erst zur Verkündung des Ergebnisses auf: 604 Stimmen für Köhler, 603 hätte er gebraucht. Die knappe Wahl geht im Jubel der Union und FDP unter. Schwan hat mit 589 Stimmen weit besser als erwartet abgeschnitten. So sind am Ende alle glücklich. Die Frauenverbände hätten so stark für die Schwan geworben, wie man es sich vor fünf Jahren für Zählkandidatin Schipanski gewünscht hätte, heißt es bei der CDU. Und in der SPD fragt man sich, ob Köhler ein „Nebenkanzler“ wird. Doch am Kalten Büfett strahlen wirklich alle.

Die Autorin, ehemals Tagesspiegel-Redakteurin, wurde von der SPD als Wahlfrau in die Bundesversammlung entsandt.

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