Berlin : „Meine Aufgabe war, da zu sein“ Pastor Michael Schiller geht in den Ruhestand

Sandra Stalinski

Vor knapp zehn Jahren noch bevölkerten diesen Platz die Straßenkinder Berlins. Auf den Bänken um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche sitzen jetzt Touristen zwischen Imbissbuden und Marktständen. 15 Jahre lang war hier die Wirkungsstätte von Pastor Michael Schiller. Als Mitarbeiter des Foyers an der Gedächtniskirche half er Menschen in Not. Heute Abend wird er in den Ruhestand verabschiedet.

Michael Schiller hat viel zu erzählen – von Wohnungslosen und Geschäftsleuten, die zu ihm kamen, von Menschen, die nicht mehr weiter wussten. Rund 700 Seelsorgegespräche führte er im Jahr. „Vom Professor bis zum Straßenfeger war alles dabei“, sagt der Pastor mit den Lachfältchen um die Augen. Er ist gerade 65 geworden. Die Arbeit zwischen Kudamm und Bahnhof Zoo hat er sich bewusst ausgesucht. 1993 kam er, um die Stelle zu besichtigten, lief einmal über den Breitscheidplatz und musste sich setzen: „Jetzt brauch ich erstmal einen Schnaps. Da sitzt so viel Elend um die Kirche.“

Michael Schiller beschloss, die Kirche zu den Leuten zu bringen: Er kümmerte sich um Straßenkinder. Er ging in umliegende Betriebe, besuchte Mitarbeiter, machte Glaubenskurse im KaDeWe und Seelsorge mit Betriebsräten. Wichtig waren ihm die Andachten, dreimal täglich, in der Gedächtniskirche. „Da kamen anschließend viele Menschen zu Gesprächen zu mir.“ Oft ging es dabei um ganz praktische Dinge: „Die Leute hatten keine Arbeit, kein Bett oder einfach Hunger“, sagt der Pastor, um den nach und nach ein Netz an Einrichtungen entstand, an die er die Menschen vermitteln konnte. „Die Verbindung von praktischer Hilfe und geistlichem Angebot ist hier am wichtigsten“, sagt er. Die soziale Not habe in Berlin stark zugenommen. „Immer mehr Menschen fehlt am Ende des Monats das Geld, um sich etwas zu Essen zu kaufen.“ An die verteilte er dann Lebensmittel der Berliner Tafel oder lud sie zum Dienstags-Frühstück ein, das er vor sieben Jahren im Foyer initiierte. In seinen Jahren als Pastor wuchs auch die Anzahl derer, denen er nicht unmittelbar helfen konnte: Menschen mit psychischen Problemen, Verwirrte. Auch die empfing er immer wieder. „Meine Hauptaufgabe war einfach: Ich war da“, sagt er.

Was macht der Pastor im Ruhestand? Erstmal ein Sabbatjahr und dann mal schauen, was der Herr mit mir vorhat.“ Sandra Stalinski

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