Berlin : „Meine Freiheit ist eingeschränkt“

Was Leser zum Thema Pöbeleien und Aggressionen meinen

Theresa Surges

Mir ist vor fünf Jahren Ähnliches passiert, allerdings in einer heftigeren Variante und in der U-Bahn. Es waren zwei arabische junge Männer, die mich beschimpften und verbal bedrohten, und einer zückte ein Messer, mit dem er so vor sich hin spielte und mich dabei unentwegt ansah. Was ich daraus gelernt habe: Ich wechsle bei der nächsten Station den Waggon, wenn eine Gruppe auffälliger Jugendlicher einsteigt, weil ich mich hilflos fühle und meine Wut über diese Hilflosigkeit mich dann aggressiv macht – und das will ich nicht.

Ich kam 1976 mit sieben Jahren von Nordrhein-Westfalen nach Bayern in ein kleines Dorf in die Grundschule. Fast gleichzeitig kam eine türkische Familie in dieses Dorf. Ich freundete mich spontan mit dem gleichaltrigen türkischen Jungen Ismael in meiner Klasse an, unter anderem, weil sonst keiner mit mir spielen wollte. Ich brauchte fast zehn Jahre, um deutsche Freunde zu finden. Ismael bekam nicht den Hauch einer Chance. Wenn schon die Eltern und die Großeltern in diesem Land keine Chance bekommen haben – mehr noch – wenn man sie geradezu menschenverachtend ignoriert hat, dann kann ich ein wenig ihr Verhalten verstehen. Ismael und seine Kinder leben in einer Parallelwelt, aus der heraus sie in unsere Welt sehen können. Aber wir gehen an dieser Parallelwelt achtlos vorbei, während Ismaels Kinder lautstark hinter dieser einseitigen „Käseglocke“ versuchen, auf sich aufmerksam zu machen. Sie schreien um ihr Leben. Tim Karsten

Ich kann es nicht mehr hören. Es ist nur von Ausländern oder den benachteiligten Kindern/Jugendlichen die Rede. Die Mehrzahl sind nach meiner Erfahrung die „Kiddies“ des sog. Mittelstandes. Das eigentliche Übel sind die Eltern: Mit dem Drang zum Über-Beschützen, bestehende Probleme kleinzureden, wegzudefinieren oder anderen anzulasten, Offensichtliches auszublenden; für alles eine Entschuldigung finden. Nur: Wer nie gelernt hat, mit Kritik (vernünftig vorgebracht) umzugehen, was bleibt dem? Die Aggression – sonst nichts. Simone Löbsin

Ein Grund für meinen Wegzug aus Kreuzberg nach Dahlem vor nunmehr sechs Jahren waren genau diese täglichen Pöbeleien und Auseinandersetzungen, denen ich in Kreuzberg ausgesetzt war. Mal ging es um freilaufende Kampfhunde auf dem Kinderspielplatz oder um einen Streit um die zuerst gesehene Parklücke. Ausnahmslos immer waren meine Kontrahenten „Mitbürger mit Migrationshintergrund“.

Jeder soll sich in unserer Gemeinschaft wohl fühlen, dazu gehört aber, dass er sich den hier geltenden Regeln unterwirft und sie im täglichen Leben beachtet. Tut er das nicht, muss es sofortige, spürbare Konsequenzen geben, und zwar einerlei, ob Deutscher von Geburt an, Deutscher mit Migrationshintergrund oder Ausländer. Dr. Henning R. Buse, Wilmersdorf

Die Präventionsbeauftragte der Berliner Polizei, Susanne Bauer, hat angemerkt, besonders viele der jugendlichen Straftäter mit Migrationshintergrund sähen für sich keine Perspektive und hätten Langeweile. Es ist mir schon des Öfteren aufgefallen, dass mit Perspektivlosigkeit und Langeweile etliche Straftaten von Gewalttätern erklärt werden. Diese Argumentation möchte ich mir nicht zu eigen machen.Die meisten Menschen in schwieriger Lebenssituation bleiben absolut friedlich, was für sich auch nicht einmal besonders anerkennenswert ist. In einem Rechtsstaat nämlich hat jeder die Pflicht, sich ein wenig zusammenzureißen und ein wenig Selbstbeherrschung zu üben, und sich nicht zu einer Straftat hinreißen zu lassen. Von dieser Pflicht kann auch eine noch so schlechte Zukunftsaussicht nicht entbinden.

Deswegen sollte man Gewalttätern gegenüber ( auch Jugendlichen) mit null Toleranz begegnen. Wer durch Kuscheljustiz und Kuschelpädagogik den jugendlichen Rechtsbrecher dazu animiert, noch mehr Straftaten zu begehen, macht sich meiner Meinung nach der psychischen Beihilfe an diesen Straftaten schuldig.

Stefan Koslowski

Die Aussage, der deutsche Mann zwischen 30 und 50 Jahren sei gewaltbereiter, kann ich – aus meiner Sicht – nur bestätigen. Gegen das Auftreten einiger Männer dieser „Klasse“ kommt mir das Gepöbel der (arabischen) Jugendlichen eher wie harmloses pubertierendes Geplänkel vor. Allerdings denke ich dabei nicht an die BVG oder andere öffentliche Einrichtungen, sondern an den alltäglichen Kampf im und ums Auto. Yvonne Dohle

Zum Thema Zivilcourage kann ich nur sagen Vorsicht. Ich wohne im Graefekiez, früher hab ich mich hier auch mal wohl gefühlt, der Markt am Maybachufer, die tollen Gemüseläden,die Gerüche ... ich konnte Freunde nie verstehen, die wegen des hohen Ausländeranteils hier den Prenzlauer Berg vorziehen. Nach unzähligen Pöbeleien, drei demolierten Fahrrädern und einem demolierten Roller ziehe ich weg. Ich wohne gegenüber einer Schule und weil ein großer Teil der Schüler den ganzen Tag vor meinem Haus rumlungert, fühle ich mich in meiner Freiheit eingeschränkt. Ich erschrecke selbst über meinen Hass, der sich langsam entwickelt und hoffe, so schnell wie möglich eine Wohnung im Prenzlauer Berg zu finden, um mich endlich wieder frei bewegen zu können. Ich will kein Nazi werden, davon distanziere ich mich, meinetwegen soll jede Türkin so viele Kopftücher tragen wie sie will, ich möchte aber nicht länger angegriffen werden,weil mein Lebensstil oder meine Art, mich zu kleiden, nicht in die orientalische Kultur passt. Ferdinand Föcking, Kreuzberg

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