Meine Heimat : Hollywood

Hatice Akyün ist ganz verunsichert, wenn sie in ihren Fahrradkorb guckt.

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Am Wochenende kam ich nach einem Essen zu meinem Fahrrad zurück. Ich fluchte wie ein Rohrspatz: „Verdammte Kacke der anatolischen Bergziege, schon wieder hat ein Idiot Müll in meinen Korb geworfen.“ Als ich vor meinem Rad stand, merkte ich, dass es gar kein Müll war. Jemand hatte mein Rad mit buntem Krepppapier umwickelt. Rote, pinke, gelbe, weiße und blaue Papierstreifen schmückten meinen Drahtesel. Hinten im Korb lag eine kleine Box, darin ein Flugticket nach Paris. Mein spontaner Gedanke: „Oh Gott, jemand verfolgt mich.“ Mein nächster Geistesblitz drehte sich um die Frage, ob ich zur Zielscheibe einer neuen Berliner Einbruchsmasche geworden bin. Ich reise nach Paris, und in der Zwischenzeit wird meine Wohnung leer geräumt.

Wo genau verläuft eigentlich die Trennungslinie zwischen gesundem Misstrauen und blanker Paranoia? Und ist sie in einer Großstadt fließend, abhängig von der Tagesform und wird genährt aus unseren Erfahrungen? Jemand machte sich Gedanken, um mir eine Freude zu bereiten, und ich denke ausschließlich nur an das Böse. Ein Freund, den ich seit Jahren zu überreden versuche, nach Berlin zu ziehen, winkt kategorisch ab: Zu kalt, zu anonym, zu oberflächlich. Er bleibt lieber in seiner süddeutschen Kleinstadt, deren Mief ihn zwar bedrückt, er sich aber so sein optimistisches Gottvertrauen bewahrt.

In Duisburg, wo ich aufgewachsen bin, schlossen wir nachts nicht einmal die Haustür unseres kleinen Zechenhäuschens ab. Weil wir uns in der Bergmann-Siedlung eh alle kannten. Zudem gab es auch keinen Grund, uns gegenseitig etwas wegzunehmen. Misstrauen war für mich ein Fremdwort. Duisburg wurde mir auf Dauer aber zu kuschelig und zu geruhsam, ich wollte raus, dorthin, wo man merkt, wie sich die Erde dreht. Ich ging für ein Jahr nach New York.

Muss ich in einer Großstadt wie Berlin ständig auf der Hut sein? Stets hinterfragen, welche schlechten Absichten jemand haben könnte? Wieso sind wir Großstädter so misstrauisch geworden? Ein Grund könnten tatsächlich die schlechten Erfahrungen sein. Ein Beispiel: Wenn ich in Berlin in einem Stadtteil unterwegs bin, in dem ich mich nicht gut auskenne, versuche ich Passanten zu finden, die ich nach der Straße fragen kann. Drei Leute laufen wortlos vorbei, der vierte sagt zumindest, dass er sie nicht kenne, und der fünfte schickt mich in die falsche Richtung.

Aber jetzt komme ich von meinem eigentlichen Thema ab. Da gibt es also jemanden in dieser Stadt, der offenbar in mich verliebt ist, mein Fahrrad dekoriert und mir eine Reise nach Paris schenkt. In jedem Hollywood-Film würde man das „Romantik“ nennen. Aber ich freue mich nicht darüber, sondern bekomme schlagartig Panik. Die Schnelllebigkeit und die Vielzahl von Sozialkontakten ohne jeden emotionalen Bezug haben uns Großstädter argwöhnisch werden lassen. Wir haben den Sicherheitsmodus auf Bedrohung in Dauerstellung umgestellt. Oder wie mein Vater sagen würde: „Korkak ne zarar eder ne kar.“ Der Ängstliche macht zwar keinen Verlust, aber auch keinen Gewinn.

Hatice Akyün

ist in Anatolien

geboren, in Duisburg aufgewachsen und

in Berlin zu Hause.

Sie schreibt

immer montags

an dieser Stelle

über ihre Heimat.

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