Meine Heimat : Whalewatching

Hatice Akyün badet wieder mal am falschen See.

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Vermutlich erkennt man Urberliner daran, dass sie kleine Schwimmhäute zwischen den Zehen haben. Es gibt unzählige Seen, Flussstrandbäder und Badestellen in öffentlichen Gewässern hier. Ja, in Berlin steht einem das Wasser bis zum Hals, und im Sommer finde ich das herrlich.

Am Wochenende war ich zum ersten Mal bei vollem Bewusstsein am Schlachtensee. Das muss ich erwähnen, weil ich schon zweimal vorher dort war. Das erste Mal vor mehr als zehn Jahren mit einem jungen Mann. Ich weiß nicht, ob ich hier öffentlich erwähnen darf, dass wir nackt ins Wasser gesprungen sind. Das zweite Mal war ich nicht im See, sondern nur zum Essen in der Fischerhütte. Hier scheint die Zeit auch stehengeblieben zu sein. Kellner Nummer 5 ist wie eh und je pampig, knallt die Teller auf den Tisch und hat es nicht nötig, sich für Trinkgeld zu bedanken. Nun also das dritte, aber richtige Mal. Was geradezu ins Auge stach, waren die unglaublich schönen, jungen Menschen, so dass ich in meinem Einteiler das obere Ende der Alterspyramide abbildete.

Damals, als knackiger Single und frischer Neuberliner, war ich leider am Wannsee, wobei ich doch eigentlich beim Beautycasting am Schlachtensee hätte sein müssen. Und statt mich in der Blüte meiner Jugend Männern mit Waschbrettbäuchen zu widmen, war ich am Wannsee zum Whalewatching verdammt.

Als Mutter bin ich heute häufig im Jungfernheide-Bad. Es ist gut zu erreichen, sauber, praktisch, familientauglich und bietet für die Kleinen alles. Nur für alleinerziehende Mamis bietet sich rein gar nichts.

Überhaupt fiel mir am Schlachtensee auf, wie sich die Ideale und Rituale im Laufe der Jahre geändert haben. Achselhaarperücken und Schamhaarberg sind genauso verschwunden wie das feminin erkämpfte Oben-ohne-Baden. Die Spezies der Spanner ist glücklicherweise auch ausgestorben. Nur diese Sportbekloppten, die sich auf jedem Grünstreifen als Unterhosenmodels inszenieren, sind geblieben. Diese Durchtrainierten müssen ja alle Experten im Power-Yoga sein, weil sie sonst unmöglich jeden Winkel ihres Gesamtkunstwerks enthaaren könnten. Dass Piercings und sonstiger Körperschmuck zumindest aus Edelstahl sein müssen, erschließt sich mir nun auch endlich, sonst würde er wohl anrosten.

Noch ein Trend ist spurlos an mir vorübergezogen – die raumumgreifende Körperbemalung. Manch eine Badenixe hat einen halben Perserteppich auf dem Rücken. Andere die Tageskarte des Chinesen um die Ecke auf dem Unterarm. Und die letzten verbliebenen Arschgeweihe der Jahrtausendwende wirken über dem Hüftspeck mystisch dreidimensional.

So liege ich mit Lichtschutzfaktor 50 mutterseelenallein auf meiner Bastmatte und beobachte die sportstudiogestählten Musterkarosserien. Sie lassen keine Gelegenheit aus, ihre Muskelgruppen gleichsam nach einer Choreografie aus dem Anatomieatlas zucken zu lassen.

Ich bin zwar nicht vom anderen Ufer, aber definitiv liege ich immer am falschen See. Gehöre ich nicht eigentlich langsam in die Kategorie, die sich von einem Skipper mit grauen Schläfen auf einer schicken Jacht den Müggelsee entlangschippern lassen sollte? Stattdessen droht mir eine Zukunft, in der ich in einem gekachelten Freibad einsam meine Bahnen ziehen werde.

Oder wie mein Vater sagen würde: „Yigit bin yasar, firsat bir düser.“ Ein Held lebt lange, doch Gelegenheit bekommt er nur einmal.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in

Berlin zu Hause. An dieser Stelle schreibt sie immer montags über ihre Heimat.

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