MEINE MEINUNG : Gepflasterte Trostlosigkeit

Mit der Verkehrsberuhigung sollte alles besser werden. Heraus kam: zu viel Platz.

Jörg Fügmann
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

So richtig wird einem nicht klar, was Weißensee verbrochen haben könnte, um mit etwas wie dem neu gestalteten Antonplatz bestraft zu werden, irgendwas muss es ja gewesen sein. Gäbe es eine Hitliste der hässlichsten Plätze Berlins, hätte er ohne Zweifel eine Chance auf einen der vorderen Ränge. Dabei sollte doch alles besser werden: eine verkehrsumrundete Insel mit geschlossener Bedürfnisanstalt unter dem Pflaster und Pflanzkübeln wich beim Umbau einer verkehrsberuhigten Fläche mit hellem Belag und viel Platz für Menschen und Markt. Zu viel Platz. Herausgekommen ist ein Monster mit hässlichen Stadtmöbeln, allenfalls im Sommer interessant für junge Menschen. Deren massive Präsenz bekommt dem Platz leider auch nicht gut; sie verwechseln ihn eher mit ihrem Partykeller. Auch die Dunkelheit hilft nicht, ihn zu mögen. Aufenthaltsqualität gleich null, Ästhetik ebenfalls. Chance verpasst.

Der zentrale Platz des ehemals kleinsten Berliner Bezirks ist eine Fläche, auf der man zum Überqueren den Schritt beschleunigt. Der Mehrwert durch die neue Weite erschließt sich nicht. Der angrenzende Imbiss hätte seine Möbel auch auf den alten Gehweg gestellt. Natürlich sind alle Argumente der Neugestaltung noch gut im Ohr: die moderne Architektursprache, der Platz für Feste und Märkte – die Menschen kamen dabei nicht vor. Ignoriert und vorbeigeplant, das Geld verpulvert, diese Mittel stehen nie wieder zur Verfügung. Die Behörden haben wirklich andere Sorgen, etwa den Pistorius(park)platz gleich um die Ecke. Dabei hätte doch die Hauptgeschäftstraße Weißensees einen Leuchtturm der Stadtgestaltung dringend nötig. Nach der Wende zur Bankenmeile mutiert – elf gibt es davon! –, versucht sie sich seit 20 Jahren im Überleben.

Leider konnte der später hinzugekommene „Antonplatz Süd“ die Sünde der gegenüberliegenden Seite nicht ausgleichen. Die Trostlosigkeit in Grau wird nur durch eine in Grün ergänzt. Dort wollten die Planer alles besser machen, doch es funktioniert nicht. Der zentrale Bereich des Platzes besteht aus Wegen und Trampelpfaden, dazwischen Rasen. Das „Wasserspiel“, einige wenige Bänke und eine Holzkonstruktion mit Nebenstraßenblick nehmen eine Randstellung ein, künftig auch noch durch eine Wohnbebauung bedrängt, der auch noch zwei der wenigen Bäume zum Opfer fielen. Das einzige Café am Platz war nie geplant, hier hat „Kaiser’s“ überraschend mit einem modernen Backshop nachgerüstet. Ansonsten: kein Ort. Nirgends.

Das alles ist doppelt schade, der jetzige Pankower Ortsteil Weißensee zählt sich zu den Verlierern der Bezirksfusion vor zwölf Jahren, zermahlen zwischen Alt Pankow und Prenzlauer Berg. Ihm fehlt ein Mittelpunkt, ein Herz, etwas, das Identität schafft. So beginnt die Hauptgeschäftstraße Berliner Allee gefühlt an einem Unort und endet am nächsten: dem unglaublich verkommenen ehemaligen Kulturhaus Peter Edel. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

Jörg Fügmann ist Geschäftsführer der Weißenseer Kultureinrichtung Brotfabrik und Vorsitzender des dazugehörenden Vereins Glashaus

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