Meine Weddinger Jahre mit Frau M. : "Erzählense doch mal!"

Wie viele junge Leute zog es auch unseren Autor Henson Stehling in den 80er Jahren nach Berlin - genauer: in den Wedding. Schon bald nahm sich die Rentnerin von obendrüber seiner an - Geschichte einer kurzweiligen Beziehung.

Henson Stehling
Sommer vorm Balkon: Häuserzeile mit Sonnenschirm in Berlin-Wedding Foto: Sulamith Sallmann / www.sulamith-sallmann.de
Sommer vorm Balkon: Häuserzeile mit Sonnenschirm in Berlin-WeddingFoto: Sulamith Sallmann / www.sulamith-sallmann.de

Meine Berliner Jahre begann ich damals uffn Wedding, 1987 war das, in der Groninger Straße. Im Zimmer über mir lebte damals eine echte Weddingerin, Mitte 60, nie anderswo gelebt. Gleich am ersten Tag hatte sie sich bei mir vorgestellt, der gleich hinter ihrem Namen genannte Zusatz "Hauswart" unterstrich ihre Wichtigkeit. Natürlich machte ich als Anfangszwanziger meine Hardrock-LPs immer einen Tick zu laut - aber Frau M. wusste sich zu wehren und stand meist nach Sekundenbruchteilen vor meiner Tür.

Nach nicht allzu langer Zeit hatten wir uns angenähert. Sie äußerte sich bestimmt aber freundlich, wenn mir mal wieder der Lautstärkeregler ausgerutscht war, und ich wurde sicher mit den Jahren auch ein wenig leiser. Schließlich bat sie mich nach oben, zu ihr, immer öfter. Mal um ihre neue Stereoanlage anzuschließen, mal um mir einen Schwank aus ihrem Leben zu erzählen. Oder dem ihrer Schwester. Oder einen von mir zu hören.

Das lief dann etwa so:

"Erzählense mal, wie war's denn in Mexiko?"

"Also, als wir zum Maya-Tempel kamen, war da ein derart unerwartetes Gedränge..."

"Ick war beim Französischen Volksfest", warf sie dann ein, "da waren Himmel und Menschen unterwegs, det gloobense nich..." Die folgende Viertelstunde hielt sie einen Monolog über Reinickendorf und die angrenzenden Stadtteile. Dann hatte sie keine Zeit mehr und bat mich hinaus.

"Kiekense ma wieder rin, wennse wat zu erzählen haben!", sagte sie freundlich zum Abschied.

Als ich nach fünf Jahren wieder aus dem Wedding wegzog, verabschiedete sie mich im Überschwang. Ich solle mit ihr auf jeden Fall in Kontakt bleiben, sagte sie. Daran hielt ich mich: Ein Mal jährlich gratulierte ich ihr zum Geburtstag, und jedes der Telefonate lief ungefähr so wie mein Reisebericht aus Mexiko.

Als Henson Stehling 1987 nach West-Berlin zog, war seine erste Anlaufstelle der Wedding. Foto: privat
Als Henson Stehling 1987 nach West-Berlin zog, war seine erste Anlaufstelle der Wedding.Foto: privat

Manchmal vergaß ich den Anruf, wurde im folgenden Jahr dann aber wieder herzlich begrüßt. Einige Jahre später hörte ich, sie sei in ein Seniorenheim gezogen, aber nur eine Straße weiter, in die Reinickendorfer. Auch dort freute sie sich weiter über meine jährlichen Anrufe.
Wie die Zufälle so spielen, hatte ich 2006 ein Seminar am Nauener Platz. Ein älterer Mit-Teilnehmer erzählte allen von der Vielzahl der Seniorenheime hier direkt um die Ecke.

"Kennen Sie vielleicht Frau M.?" fragte ich unvermittelt.

"Ja, und zwar sehr gut, die ist ja ein bunter Hund - und woher kennen Sie die?", gab er die Frage zurück.

"Ich habe fünf Jahre unter ihr gewohnt, aber das ist bald 15 Jahre her.“

"Oh, Sie waren sehr laut, oder? Das sind Sie doch?" Es folgte allgemeine Heiterkeit.
Sieben, acht Jahre lang hatte ich den Geburtstagsanruf vergessen, aber 2013 wählte ich mal wieder die Nummer und gratulierte meiner alten Bekannten, die mittlerweile Mitte 80 sein musste.

Ich hörte ihre Stimme, die barscher klang als sonst: "Ick hab Ihnen doch schon das letzte Mal jesacht, det se mir nich mehr anrufen sollen - tschüss", hörte ich, gefolgt von einem Klacken. Das wüsste ich allerdings auch nach acht Jahren noch, dachte ich mir, eine Verwechslung sicherlich, und rief direkt nochmal an.

"Hallo nochmal. Ich bin doch der aus der Groninger Straße, der seit 1987 unter Ihnen gewohnt hat, wissen Sie noch, die WG mit Markus..."

"Und ick hab Ihnen jesacht, Sie sollen mir in Ruhe lassen - kapiern Sie det denn nich?“, herrschte sie mich an und legte ebenso schnell wie beim ersten Mal auf.

Tja. Was soll man sagen? Ich habe dann nicht mehr angerufen.

Der Wedding, sagte ich mir, der kann mir jetze...

Aufmacher-Foto mit freundlicher Genehmigung von Sulamith Sallmann.

Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

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