Meine Woche (105) : Folter

Der Syrer Ahmad Al-Dali, 26,ist seit Mai 2015 in Berlin. Hier erzählt er, wie ihm die Stadt begegnet.

Ahmad Al-Dali
Newcomer Ahmad Al-Dali.
Newcomer Ahmad Al-Dali.Photo: Georg Moritz

Ahmad, die Türkei hat gerade überraschend den deutschen Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner freigelassen. Sie haben selbst einmal in der Türkei gelebt, haben Sie den Fall verfolgt?

Ich verfolge die Geschehnisse in der Türkei kaum. Klar höre ich immer wieder von Festnahmen. Und natürlich ist es schön, dass nun ein Deutscher freigekommen ist. Hoffentlich ändert sich etwas. Aber ehrlich gesagt glaube ich das nicht. In türkischen Gefängnissen sitzen immer noch unzählige Menschen.

Wie haben Sie damals die politische Situation erlebt?

Ich habe dort viel gearbeitet, vor allem in Fabriken. Da hat Politik nicht so eine große Rolle gespielt. Die meisten Arbeiter waren Erdogan-Anhänger. Außer den Kurden. Zwischen diesen beiden Gruppen waren die Spannungen auch im Alltag spürbar.

Würden Sie noch einmal in die Türkei zurückkehren wollen?

Ich hatte überlegt, dort Urlaub zu machen. Das hatte sich aber recht schnell erledigt. Denn Syrer bekommen kein Visum für die Türkei, auch nicht, wenn sie nachweisen können, dass sie in Deutschland wohnen. Die Frau eines syrischen Freundes lebte in der Türkei. Er wollte sie besuchen. Als er kein Visum bekommen hat, ist er nach Griechenland gegangen und von dort illegal in die Türkei eingereist – sozusagen den gleichen Weg zurück, wie er einige Monate zuvor gekommen war. Danach konnte er nicht mehr nach Deutschland zurückkehren.

Das ist eine traurige Geschichte.

Ich kenne einige Syrer, die zurückgegangen sind. Das ganze Warten, auf Papiere, auf Plätze in Sprachkursen. Das zehrt sehr an den Kräften. Und dann ist auch noch deine Frau, deine Familie nicht bei dir. Eventuell musst du dich um sie sorgen, weil sie in Syrien in einem Gebiet leben, wo Kämpfe stattfinden. Das ist wie Folter. Deswegen ist das diese Woche auch unser Wort. Folter heißt Tazeeb.

Die Fragen stellte Helena Wittlich. Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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