Meine Woche (17) : Talent

Der Syrer Ahmad Al-Dali, 25, ist seit Mai in Berlin. Hier erzählt er, wie ihm die Stadt begegnet.

Ahmad Al-Dali

Ahmad, Sie haben schon wieder eine neue Handynummer?

Ja, aber die behalte ich jetzt. Vorher hatte ich jeden Monat eine andere Prepaid-Karte. Nachdem das mit meinem Bankkonto endlich geklappt hat, durfte ich einen Vertrag abschließen. Ich habe Freiminuten nach ganz Europa und kann meine Schwester in Wien anrufen.

Toll, es geht voran. Was gibt’s sonst Neues?

Ich war beim Taekwondo. Ein Freund hat mich mitgenommen. Das war cool, aber mir tut alles weh.

Wollen Sie das jetzt öfter machen?

Ja, ich sollte mehr Sport machen und Muskeln aufbauen. Ich habe mir dieses Jahr vorgenommen, auf 60 Kilo hochzukommen.

Oh. Wie viel wiegen Sie denn im Moment?

49 vielleicht.

Das ist ja gar nichts bei Ihrer Größe!

Ich fühle mich einfach nicht so sehr danach, etwas zu essen. Das war schon immer das Problem. Meine Mutter fragt mich am Telefon jedes Mal: „Bist du endlich fett geworden?“ Und ich muss nein sagen.

Dann kann Sport sicher nicht schaden.

Stimmt. Ach, und ganz toll ist auch: Ich habe mir eine gebrauchte Bassgitarre gekauft und einen Verstärker. Jetzt kann ich mit meiner Mitbewohnerin Nora Musik machen. Sie kann so gut singen, und sie spielt auch Cello, Piano und Ukulele.

Wow!

Ja, sie ist im Orchester und hatte diese Woche ihren ersten Auftritt – in der Philharmonie! Das war dann auch mein erstes Klassik-Konzert. Sonst höre ich ja eher Rock. Es war ziemlich beeindruckend, wie selbstlos die Musiker zusammenspielten – alle konzentrierten sich auf das große Ganze.

Sie werden noch zum Klassikliebhaber.

Und zum Kunstliebhaber: Meine andere Mitbewohnerin Antonia ist die beste Malerin, die ich je gesehen habe. Es ist so toll, ihr zuzusehen. Darum ist mein arabisches Wort diesmal auch mawhebeh, Talent.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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