Meine Woche (18) : Wiedersehen

Der Syrer Ahmad Al-Dali, 25, ist seit Mai 2015 in Berlin. Hier erzählt er, wie ihm die Stadt begegnet.

Ahmad Al-Dali

Ahmad, wir erreichen Sie gerade in Österreich – sind Sie gut angekommen?

Ja, ich bin heute Vormittag um elf aus dem Bus gestiegen, dreizehneinhalb Stunden Fahrt. Eine kleine Stadt in der Nähe von Innsbruck. Es war eine Überraschung, niemand wusste, dass ich komme. Zuerst war meine Schwester Aula gar nicht zu Hause, ich habe drei Stunden auf sie gewartet. Als sie dann kam, war das ein wirklich großartiges Gefühl. Ich hatte sie zwei Jahre und acht Monate lang nicht gesehen.

Das ist eine lange Zeit.
Ja, ich habe das gebraucht, ich musste herkommen. Zuletzt ging es mir so beschissen, ich weiß gar nicht genau, warum. Das Praktikum läuft gut, meine WG ist super – aber trotzdem. Samstag war ich auf einem Comicfestival in Kreuzberg. Viele coole Künstler, alle machen total gute Sachen. Ich habe ein paar Comics gekauft, danach bin ich mit meinem guten Freund Bartl nach Hause gelaufen. Ich habe ihm von Syrien erzählt und von meiner Mutter. Ich habe es gar nicht gemerkt, aber plötzlich kamen mir die Tränen. Gut, dass Bartl da war.

Freunde sind wichtig.
Ja, da habe ich Glück. Und ich musste es auch mal rauslassen. Ich telefoniere zwar ständig mit meiner Familie, aber das ist einfach nicht das Gleiche. Meiner Mutter kann ich auch nicht so zeigen, dass ich sie vermisse. Ich sage immer, dass alles gut ist, sonst würde sie noch mehr weinen. Aula und ich haben ihr ein Foto geschickt und sie dann angerufen, da hat sie schon geweint. Ich habe sie genauso lange nicht gesehen wie meine Schwester. Meine Eltern können nicht weg aus Damaskus. Und ich kann nicht hin.

Man kann sich nur schwer vorstellen, wie hart das sein muss.
Jetzt bin ich hier. Es ist lustig: Meine Schwester sieht aus wie immer – und ich auch. Darum ist mein arabisches Wort für heute auch ejtmaana, wir haben uns getroffen. Aula sagt dauernd: Was willst du essen, ich koche dir was. Wie früher in Syrien, wenn ich sie besucht habe. Gerade macht sie Nudeln für uns.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben