Meine Woche (29) : Politik

Der Syrer Ahmad Al-Dali, 25, ist seit Mai 2015 in Berlin. Hier erzählt er, wie ihm die Stadt begegnet.

Ahmad Al-Dali

Ahmad, Ihr Deutschkurs hat begonnen!

Ja, am Montag. Wir sind eine gute Gruppe. Größtenteils aus Syrien, aber auch aus dem Iran, der Türkei und Georgien. Gebildete Leute – Ingenieure, Lehrer, ein Wirtschaftswissenschaftler.

Lernen Sie viel?

Wir behandeln gerade vor allem Dinge, die ich schon weiß. Verben, Artikel, wie man sich vorstellt. Und auch Buchstaben und Zahlen. Das nervt ein bisschen und fühlt sich an wie Zeitverschwendung.

Und nach dem Sprachkurs gehen Sie zu Ihrem Praktikum?

Ja, das ist ziemlich anstrengend. Zwischen 14 und 19 Uhr bin ich dann noch mal in der Arbeit. Aber ich weiß nicht, ob ich das so durchhalten kann.

Jetzt ist ja erst mal Wochenende. Haben Sie vom Myfest in Kreuzberg und den Demonstrationen am 1. Mai gehört?

Meine Freunde haben mir davon erzählt. Die sind ja alle ziemlich links und ziehen mich in die Szene rein. Aber ich gehe nicht auf Demonstrationen. Auch in Syrien bin ich nie auf einer gewesen.

Sie sind nicht politisch?

Doch, ich bin ja auch links. Und als Flüchtling ist meine ganze Existenz politisch. Mein Leben hängt von der Politik ab – ich könnte auch einfach wieder zurückgeschickt werden, wenn sich die Politik das überlegt.

Warum dann keine Demos?

Ich habe das Gefühl, dass ich in Deutschland kein Recht dazu habe. Ich bin noch nicht lange genug hier, weiß zu wenig über die Politik. Und in Syrien hatte ich das Gefühl, man kann gegen ein brutales System nicht mit einer friedlichen Demonstration ankommen. Ich bin zu Hause geblieben, während alle meine Freunde auf die Straße gegangen sind. Einige sind ins Gefängnis gekommen. Es sind junge Leute auf der Straße gestorben.

Welches arabische Wort geben Sie uns in dieser Woche mit?

Weil es so wichtig ist: Syaseh. Politik.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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