Meine Woche (59) : Austausch

Der Syrer Ahmad Al-Dali, 26,ist seit Mai 2015 in Berlin. Hier erzählt er, wie ihm die Stadt begegnet.

Ahmad Al-Dali

Ahmad, sonst telefonieren wir für diese Kolumne. Heute treffen wir uns auf einem Podium. Es soll um kulturelle Unterschiede gehen – zwischen Syrern und Deutschen. Was ist Ihnen aufgefallen, als Sie hier ankamen?

Anders als in Syrien kümmert sich jeder um sich selbst. In meiner Familie gab es immer Diskussionen über meine langen Haare, die ich früher noch hatte. Jeder sagte seine Meinung dazu. Hier interessiert es niemanden, was ich mache.

Was noch?
Die Deutschen bieten selten von allein ihre Hilfe an – man muss sie danach fragen. Und in der U-Bahn sitzen die Leute oft ein Stückchen voneinander entfernt, obwohl so weniger Platz für andere ist.

Was haben Sie über die Deutschen gelernt?
Ich wurde vorher immer gewarnt, dass viele in Deutschland rassistisch seien. Dass die Leute verschlossen sind. Und dass es sehr schwer ist, sich zu integrieren. Das habe ich alles gar nicht erlebt. Aber vielleicht liegt das auch an Berlin.

Syrer reden auch davon, dass es für sie anfangs ungewohnt war, in Deutschland auf Toilette zu gehen.
Stimmt. In Syrien gibt es in vielen Haushalten einen Schlauch, mit dem man sich sauber macht. Toilettenpapier wird dort eigentlich nicht benutzt. Einige Bekannte von mir haben in Deutschland deshalb eine Wasserflasche neben der Toilette stehen. Ich komme auch so klar.

In Syrien gibt es enorme Korruption. Wie haben Sie die deutschen Behörden erlebt?
Korruption gibt es hier natürlich nicht. Aber trotz des relativ starren Systems wirkt manche Behördenentscheidung ganz schön willkürlich: Warum bekommt einer einen Termin diese Woche und der andere erst in einem Monat?

Welches Wort geben Sie uns heute mit?
Austausch heißt auf Arabisch tbadol.

Die Fragen stellte Maria Fiedler.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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