Meine Woche (62) : Beerdigung

Der Syrer Ahmad Al-Dali, 26,ist seit Mai 2015 in Berlin. Hier erzählt er, wie ihm die Stadt begegnet.

Ahmad Al-Dali

Ahmad, immer wieder Schreckensnachrichten aus Aleppo – wie erleben Sie die neusten Entwicklungen dort?
Im Grunde ist es gut, dass das Regime Ost-Aleppo eingenommen hat. Es war klar, dass das früher oder später passieren würde. Und jetzt hat Assad keinen Grund mehr, dort weiter zu bomben. Die Menschen können woanders hin, kriegen endlich wieder Essen und medizinische Versorgung.

Sie muss das alles ja sehr mitnehmen.
Es ist einfach zu blutig, es ist kein fairer Kampf. Für die Lage dort ist auch die Türkei verantwortlich. Sie hat die Grenze zu Syrien geschlossen – wäre sie offen, hätten viele Leute Aleppo in Richtung Türkei verlassen.

Was sagen Sie zur Rolle Russlands?
Putin will nur Assad unterstützen, seine Macht demonstrieren. Da ist kein Mitgefühl gegenüber der Zivilbevölkerung, Syrien ist nicht sein Land, da kann er leicht töten.

Sie haben ja viele Freunde, die politisch ziemlich links sind. Wie sehen die das? Linke in Deutschland neigen dazu, Putin in Schutz zu nehmen.
Die verurteilen natürlich das, was in Syrien passiert. Und ihnen geht es auch gegen den Strich, was Putin in Russland tut, wie dort Meinungsfreiheit und zum Beispiel Schwulenrechte mit Füßen getreten werden.

Haben Sie mit Ihren Eltern darüber gesprochen, was in Aleppo passiert? Die sind ja noch in Damaskus.
Ehrlich gesagt nicht in letzter Zeit. Mein Onkel ist gestorben, der Bruder meines Vaters. Er war schon sehr alt. Darüber haben wir gesprochen. Demnächst ist die Beerdigung.

Das tut uns sehr leid. Welches arabische Wort geben Sie uns diese Woche mit?
Beerdigung heißt janazeh. Das passt auch zu Aleppo. Es ist die Beerdigung einer Stadt, mit allen Menschen darin.

Die Fragen stellte Maria Fiedler.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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