Meine Woche (67) : Verstörend

Der Syrer Ahmad Al-Dali, 26,ist seit Mai 2015 in Berlin. Hier erzählt er, wie ihm die Stadt begegnet.

Ahmad Al-Dali

Ahmad, haben Sie den Aufruhr über die Dresdner Rede von AfD-Mann Björn Höcke mitbekommen?
Ja. Meine Freundin Toni war ziemlich fertig deswegen. Sie hat den Eindruck, dass es echt einige Leute in Deutschland gibt, die gerne das „Dritte Reich“ zurückhätten. Wer auch immer die AfD wegen ihrer Sozial- oder Familienpolitik gewählt hat, sollte sich das beim nächsten Mal lieber genau überlegen – solange die Partei Leute wie Höcke in ihren Reihen hat.

Einige bringen die radikale Höcke-Rede ja auch mit dem am gleichen Tag gescheiterten NPD-Verbot in Verbindung.
Ausgeschlossen ist der Zusammenhang nicht. Ich finde es schon skurril, dass die NPD nur deshalb nicht verboten wird, weil sie nicht bedeutsam genug ist. Genau das kann sich ja ändern. Muss denn erst was passieren? Man sollte den Leuten genau jetzt signalisieren: Was ihr macht, ist scheiße. Das erinnert mich übrigens an ein Erlebnis in der Tram.

Was ist da passiert?
Es war ziemlich eng. Neben einer älteren Dame stand ein Schwarzer. Und sie zischte: „Jetzt nehmen die uns auch noch unseren Platz in der Bahn weg.“ Solche Einstellungen werden sich doch nur noch weiter verbreiten, wenn niemand etwas dagegen unternimmt.

Tut aus Ihrer Sicht die deutsche Regierung nicht genug dagegen?
Ich finde, Rassismus müsste viel stärker belangt werden. Es gibt da so eine Initiative von einem Typen, der Rechtsradikale auf Twitter outet. Einer ist daraufhin gefeuert worden.

Finden Sie das gut?
Schon. Mit Nazis kann man ohnehin nur schwer diskutieren. Die Vorurteile sind einfach so tief in den Köpfen verankert.

Welches Wort geben Sie uns heute mit?
Meine Zusammenfassung für all diese Ereignisse: verstörend. Das heißt auf Arabisch: mozeej.

Die Fragen stellte Maria Fiedler.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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