Meine Woche (7) : Nicht ich

Der Syrer Ahmad Al-Dali, 25, ist seit Mai in Berlin. Hier erzählt er, wie ihm die Stadt begegnet.

Ahmad Al-Dali

Ahmad, Sie hatten am Mittwoch Geburtstag. Alles Gute nachträglich! Hatten Sie eine schöne Feier?
Ja, meine Freunde haben am Abend davor eine Überraschungsparty für mich organisiert, mit Kerzen und Prosecco. Aber ich habe schon vorher gemerkt, dass sie etwas planen – ich verstehe nämlich mittlerweile ganz gut Deutsch. Eigentlich wollte ich dann an meinem Geburtstag gar nicht ins Büro zu meinem Praktikum gehen. Aber die Kollegen haben mir eine Nachricht geschrieben: „Dann verpasst du das!“ Dazu haben sie mir ein Bild von meinem Geburtstagskuchen geschickt. Das alles macht mich so glücklich, da scheint der ganze Ärger mit dem Amt viel weniger schlimm.

Haben Sie immer noch keinen Termin, um die Fingerabdrücke für Ihren Reisepass abzugeben? Also keine Arbeitserlaubnis?

Nein, immer noch nicht. Es ist leider alles beim Alten. Keine Papiere, kein Termin beim Jobcenter, keine Arbeitserlaubnis, also auch kein Geld.

Das ist ja wirklich ärgerlich.

Allerdings. Aber ich habe trotzdem viele spannende Aufgaben. Im Praktikum darf ich jetzt an einem Projekt zu Virtual Reality mitarbeiten – das ist ja noch ein ziemlich neues Feld und ich stecke viel Zeit rein. Außerdem arbeite ich seit gestern mit einem Freund an einem anderen neuen Projekt, einer Art Agentur, die Flüchtlinge mit Unternehmen vernetzt.

Das sind ja tolle Neuigkeiten. Da fällt nun die Überleitung schwer, zu dem, was in Paris passiert ist, den Attentaten.
Darüber wollte ich auch reden. Wir Flüchtlinge sind vor dem Krieg geflohen. Es ist nicht das Gefühl, dass er uns verfolgt, aber dass er jetzt überallhin geht – in unserem Namen, im Namen der Muslime. Dabei sind wir kein Teil davon. Diese Attentäter sind in meinen Augen noch nicht mal Muslime. Aber ich mache mir trotzdem Sorgen, was die Leute jetzt von uns denken. Dass sie uns hassen.

Wie haben Sie die Tage nach den Terroranschlägen erlebt?
Ich war natürlich auch vor dem Brandenburger Tor, habe für Paris gestanden. Das was dort passiert ist, ist ein Alptraum. Trotzdem ärgert es mich, dass die Leute so wählerisch sind, was ihr Mitgefühl betrifft. Sie trauern für Paris. Aber in Syrien sterben jeden Tag Menschen. Ich habe das Gefühl, dass ein Leben dort weniger wert ist. Ich würde mir mehr Mitgefühl mit den Menschen im Nahen Osten wünschen, nicht nur mit Paris.

Welches arabische Wort geben Sie uns diese Woche mit?
„Mo ana“ – das heißt „Nicht ich“. Ich als Muslim kein Teil von diesem Terror.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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