Meine Meinung : Ruinen und Brachen

Drei Kilometer von Köpenick zerfällt fast alles, was nicht in Privathand ist.

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Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe HeinrichFoto: Kai-Uwe Heinrich tsp

Der Park am Don-Ugoletti-Platz ist wie Grünau: Ein wenig ab vom Schuss, grün und vernachlässigt. Teilweise gilt das auch für den nahen Uferpark an der Dahme, der durch die in den Wendejahren ausgebrannte Ruine der „Villa Undine“ dominiert wird. Die gammelt hinter eigentlich als Provisorium gedachten Bauzäunen vor sich hin und sieht inzwischen aus, als wäre ihr völliger Einsturz mit anschließender Besiedlung durch Spontanvegetation ein großer Fortschritt. Das Schlimme ist: Die morbide „Undine“ ist eine typische Grünauerin.

Der erst seit wenigen Jahren aktive Verein „Zukunft in Grünau“ hat einmal die Ruinen und Brachen entlang der

Regattastraße und Sportpromenade gezählt und kam auf 70 mehr oder weniger tote Grundstücke. Das ist schlimmer, als es in Ecken wie Oberschöneweide je war, und es ist hochgradig skandalös, weil es in bester Wasserlage geschieht. Denn parallel zum genannten Straßenzug fließt die seenartig verbreiterte Dahme, stadtauswärts beginnt hinter dem (bisher überlebenden) Strandbad der Wald. Der vermutlich vor den Olympischen Spielen 1936 zuletzt grundsanierte Gehweg bröselt leider schon ein Stück davor seinem Ende entgegen. Noch mal: Es handelt sich um eine Gegend, in der (halb) Berlin zu Zeiten unserer Eltern gediegene Sommerwochenenden genoss, das Ost-Pendant zur Havel, wenn man so will.

Gerade ist eine neue große Wohnanlage mit Quadratmeterpreisen von mehr als 3000 Euro binnen weniger Monate komplett verkauft worden. Der Weg zu ihr führt an Gesellschaftshaus und Riviera vorbei, zwei besonders großen Ruinen, deren traumhaft gelegene Grundstücke bis zur Wende Ausflugslokale waren. Daneben wird der Steg der Dampferanlegestelle wohl bald wegen Baufälligkeit gesperrt. Andere, teils ebenfalls denkmalgeschützte Gebäude verfallen wegen noch immer unklarer Eigentumsverhältnisse oder mangels Geld der teilweise gemeinnützigen Eigentümer, Sportvereine beispielsweise. Allen gemein ist, dass sie den Zugang zum Wasser versperren und dass ihr Zustand immer schlimmer wird. Es scheint, als sei dem Bezirksamt die Existenz von Grünau gar nicht bekannt. Während die Köpenicker Altstadt mit acht Sorten Kleinpflaster, elektrisch versenkbaren Pollern und einem neu aufgeschütteten Dahmeufer aufgemöbelt wurde, zerfällt drei Kilometer weiter fast alles, was nicht in privater Hand ist.

Da Grünau laut Sozialstrukturatlas zu den intakten Gegenden zählt, kann es an den Bewohnern allein nicht liegen. Der Zukunftsverein hält das Bezirksamt für schuldig – aber er pflegt dabei einen Stil, der auch den Verwaltungsleuten wenig Lust auf konstruktive Bürgernähe machen dürfte.

Dass Grünau statt eines echten Zentrums oder einer Einkaufsmeile nur den angewitterten S-Bahnhof und eine von Autos umtoste Einkaufspassage hat, bessert die Voraussetzungen für aufkeimendes Engagement auch nicht. Wer es hier schön haben will, genießt seinen Garten oder den Wald. Undine und Don Ugoletti aber werden einsam bleiben, solange sich ringsum nichts tut.

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