Meinung : Zum Umgang mit der Pressefreiheit

Am 2. September erschien im Tagesspiegel ein Editorial, das Verwunderung darüber ausdrückte, dass die US-Botschaft dieses Jahr die Gedenkfeier zu den Anschlägen vom 11. September 2001 zusammen mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin veranstaltet. Die Gemeinde mahnt nun zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Pressefreiheit. Ist die Kritik gerechtfertigt?

Malte Lehming

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin gab am Montag eine etwas kryptische Presseerklärung heraus. Sie lautet: „Am 2. September war in einem Kommentar einer Berliner Zeitung zu lesen, wenn Jüdische Gemeinde und US-Botschaft gemeinsam der Opfer der Anschläge des 11. September 2001 gedenken, suggeriere das, ,...was Antisemiten und Antiamerikaner gleichermaßen behaupten...eine Art unheilige Allianz zum Nachteil der Araber, gesteuert durch mächtige jüdische Lobbygruppen in den USA...’ Das sei zwar falsch, ....aber....

Es ist schon erstaunlich, mit welchen scharfen Blicken die jüdische Gemeinschaft in Berlin und Deutschland beobachtet wird. Mal ist es der russische Mafia-Verdächtige, dessen Verbindung zur Jüdischen Gemeinde hervorgehoben wird, bevor klar wird, wessen er überhaupt genau angeklagt wird. Jetzt wird die zionistische Weltverschwörungsthese hervorgeholt, weil die Jüdische Gemeinde zu Berlin gemeinsam mit der US-Botschaft der Terroranschläge des 11. September gedenkt.

Wie Botschafter Timken in einem Leserbrief zum oben erwähnten Kommentar erläuterte, ist dies nicht die erste Gedenkveranstaltung zum 11. September. Sie fand bereits seit einigen Jahren statt, immer im Wechsel waren die großen Religionsgemeinschaften der Stadt Gastgeber dafür. Und immer waren Vertreter der drei monotheistischen Religionen anwesend, die Gebete sprachen. So wird es auch in diesem Jahr sein. Mitnichten kann hier also jemand unterstellen, es ginge nur um amerikanische und jüdische Opfer - es sei denn, er hat nicht korrekt recherchiert.

Die Gefahr schlechter Recherche ist für den Autor, der sich eines bestimmten Renommees erfreut, überschaubar. Die, die er allerdings mit seinem Text beschädigt, können sich dessen kaum erwehren. Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Man sollte verantwortungsvoll damit umgehen.“

So weit die Presseerklärung. Sie bezieht sich auf ein Editorial im Tagesspiegel vom 2. September 2008. Nun sollte, wenn korrekte Recherche angemahnt wird, selbst korrekt recherchiert werden. Denn die Behauptung, dass die drei großen Religionsgemeinschaften bereits seit einigen Jahren im Wechsel Gastgeber der Gedenkfeiern zum 11. September seien, ist kühn. Es ist zwar wahr, dass die Veranstaltung im Jahr 2006 mit der American Church zusammen ausgerichtet worden war. Hingegen fand sie im Jahr 2007 quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Medien berichteten damals nicht. Alles, was sich dazu findet, steht auf einem Eintrag der amerikanischen Botschaft:

„Botschafter William R. Timken jr. hieß mehr als 70 Gäste in seiner Residenz zu einer Zeremonie willkommen, um dem sechsten Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 auf die Vereinigten Staaten von Amerika zu gedenken. An diesem Tag verloren nahezu 3.000 Unschuldige aus den Vereinigten Staaten, Deutschland und 82 weiteren Ländern ihr Leben. Botschafter Timken ging in seiner Ansprache auf die Ereignisse der letzten Tage ein, insbesondere die Festnahme von drei Männern, die schwer wiegende Anschläge in Deutschland geplant hatten, durch die deutschen Behörden. Der Botschafter verlieh seiner Anerkennung für die Arbeit der deutschen Beamten in diesem Fall sowie für die effektive Kooperation zwischen den amerikanischen und deutschen Strafverfolgungsbehörden Ausdruck. Maliha Zulfacar, die afghanische Botschafterin in Deutschland, Günter Piening, der Integrationsbeauftragte des Berliner Senats sowie Abdul Hadi Christian Hoffmann von der Muslimischen Akademie sprachen ebenfalls bei der Zeremonie. Nach einer Gedenkminute zu Ehren der Opfer trug Imam Advan Ljevakovic ein Gebet vor.“

Dass in diesem Fall die Muslime Berlins Gastgeber der Veranstaltung waren, mag sein, wurde aber weder so dargestellt noch so wahrgenommen. Die Jüdische Gemeinde wiederum war bislang noch nie Gastgeber. Überdies geht die ökumenische Rechtfertigung an der Sache vorbei. So wenig, wie der 11. September 2001 ein explizit jüdischer Trauertag ist, so wenig ist er einer der drei großen monotheistischen Religionen. Würde sich die US-Botschaft entschließen, die Gedenkveranstaltung in einem buddhistischen Tempel oder einer russisch-orthodoxen Kirche abzuhalten, wäre die Verwunderung kaum geringer. Und auch die Ankündigung von US-Botschafter Timken, im kommenden Jahr in eine Moschee zu gehen, wird, wenn sie verbindlich ist und ernst gemeint sein sollte, sicher diverse Kommentare provozieren. Allerdings wird man abwarten müssen, inwieweit sich sein Nachfolger daran gebunden fühlt.

Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Man sollte verantwortungsvoll mit der Kritik an dieser Freiheit umgehen.

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