Berlin : Meinungsforschung im Salon

Elisabeth Noelle-Neumann besucht ihre alte Heimat

Elisabeth Binder

Ihr Name ist untrennbar mit Allensbach am Bodensee verbunden, dabei ist Elisabeth Noelle-Neumann eine tief verwurzelte Berlinerin. Ihre Großeltern waren Berliner, und nach dem Großvater mütterlicherseits, dem Bildhauer Fritz Schaper, ist in Wilmersdorf sogar eine Straße benannt. In Berlin fühlt sie sich wohl. Draußen auf Schwanenwerder war sie am Wochenende zu Gast im Salon von Barbara Monheim, die sich für ukrainische Kinder engagiert und manchmal ihren Freundeskreis mit interessanten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte zusammenbringt.

Die große Dame der deutschen Meinungsforschung betritt den Raum mit zwei Zeitungen unterm Arm, sehr gerade, sehr energisch. Wenn man die 88-Jährige so gestikulieren sieht, kann man sich gut vorstellen, wie sie als junge Frau war, als sie mit ihrem Vater, einem Industriellen, über Philosophie und Politik diskutierte und durch die Berliner Bars zog, um Jazz zu hören. Jetzt entlockt ihr Tagesspiegel-Herausgeber Hermann Rudolph in dem moderierten Gespräch Erinnerungen an die überaus glückliche Kindheit in der Limonenstraße. „Nummer 8“, ergänzt sie mit gewohnter Präzision. Dass sie immer auch ein sehr intuitiver Mensch war, macht sie im weiteren Verlauf des Gesprächs deutlich.

Schon sehr früh wollte sie Journalistin werden, besuchte die Vorlesungen des berühmten Zeitungswissenschaftlers Emil Dovifat und sprach ihn, wie sie einmal der „Zeit“ anvertraute, irgendwann im Bus zwischen Zoo und Zehlendorf an, um anzukündigen, dass sie bei ihm promovieren wolle. Gleich zu Beginn des Studiums bewarb sie sich um ein Auslandsstipendium. Die zuständigen Uni-Mitarbeiter hätten sich zwar ein bisschen über sie lustig gemacht, erzählt sie siebzig Jahre später. Aber sie ließ sich nicht beirren. Als sie erfuhr, dass für ihr Wahlland Frankreich nur eine Studentin pro Jahr ausgewählt würde, für die USA aber sechs, entschied sie sich in Sekundenschnelle um. Am Fenster sitzend, mit leicht zur Seite geneigtem Kopf, hinter sich die weiße Wannseelandschaft, erzählt sie von der Überfahrt nach Amerika. Das war 1937. Die Kommilitonen tanzten und amüsierten sich, sie saß auf dem fünften Deck und schrieb. Die Freiheits-Statue zu sehen bei der Einfahrt in den Hafen von New York, das gehörte zu den prägenden Erlebnissen jener Reise, die auf dem Rückweg über Japan, durch Asien und Ägypten führen sollte.

Ihr Leben lang hat sie das lateinische Sprichwort befolgt, das rät, keinen Tag vergehen zu lassen, ohne eine Zeile zu schreiben. An der Universität von Missouri lernte sie die Meinungsforschung kennen. Nach Deutschland zurückgekehrt, arbeitete sie während des Krieges eine Weile bei der Wochenzeitung „Das Reich“. Sie erzählt, wie ihr auf Weisung von Goebbels fristlos gekündigt wurde. 1947 gründete sie das erste deutsche Meinungsforschungsinstitut in Allensbach.

Schon zur Adenauer-Zeit war sie eine Instanz in Deutschland. Mit allen Nachteilen: „Ich werde immer wie eine Litfaß-Säule betrachtet.“ Die Gäste des Salons, darunter der Anwalt Peter Raue und Minister Jörg Schönbohm lauschen mit gebannter Konzentration. Fast alles habe sich geändert in den Jahrzehnten, in denen sie die Deutschen befragt. Ein aktuelles Beispiel hat sie parat. „Auf dem Weg hierher habe ich ein junges Paar gesehen, und der Mann schob den Kinderwagen. 1954 wäre das undenkbar gewesen.“

Über 300 Publikationen gibt es von der Publizstikprofessorin. Eine hält sie selber voller Stolz in die Höhe: „Die Schweigespirale ist in 14 Sprachen übersetzt worden.“ An diesem Vormittag hat sie die rumänische Übersetzung mitgebracht. Hat sie jemals ans Aufhören gedacht? Diese Frage findet sie abwegig: „Künstler und Wissenschaftler hören niemals auf, das können sie gar nicht.“ In erster Ehe war sie mit dem 1973 verstorbenen CDU-Bundestagsabgeordneten und Journalisten Erich-Peter Neumann verheiratet, in zweiter Ehe mit dem Kernphysiker Heinz Maier-Leibniz. Da kam zu ihrem Doppelnamen ein weiterer hinzu. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes hat sie wieder ihren Mädchen-Namen „Noelle“ angenommen: „Das ist schön kurz.“

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