Berlin : „Meinungsfreudiger Ökonom“ SPD-SpitzerüffeltSarrazin

Ulrich Zawatka-Gerlach

Die Genossen kennen das schon: Ab und zu gibt der „Zirkus Sarrazini“ eine Sondervorstellung. Dann schlägt der Berliner Finanzsenator einen Salto Mortale, der jedem braven Sozialdemokraten die Haare zu Berge stehen lässt. Kürzlich sprach sich Thilo Sarrazin öffentlich für eine Maut auf den bundesdeutschen Autobahnen aus. Das brachte ihm hässliche Schlagzeilen in der Berliner Boulevardpresse ein. Gestern zeigte er starke Sympathien für die Auflockerung des Kündigungsschutzes und äußerte starke Bedenken gegen eine Bürgerversicherung.

Der SPD-Landes- und Fraktionschef Michael Müller hat Sarrazin gleich angerufen und dem Parteifreund mal wieder gesagt, dass er auf Meinungsäußerungen verzichten solle, mit denen er die übrig gebliebenen Wähler unnötig verschreckt. Solche Gespräche hat auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit schon mehrfach mit dem Finanzsenator geführt, der kein geborener Sozialpolitiker ist. Längst hat sich eine Sprachregelung eingeschliffen: „Sarrazin spricht für sich, aber weder für die SPD noch für den Senat.“ Der Kerl werde sich wohl nicht mehr ändern, sagen SPD-Spitzenleute leicht resigniert. Der in unregelmäßigen Abständen aufflackernde Konflikt soll aber nicht hoch gehängt werden.

Immerhin durfte der SPD-Gesundheitsexperte Heinz Stapf-Finé im Namen des SPD-Landesverbandes den Finanzsenator gestern offiziell kritisieren. Sarrazin habe seine Ansichten zum Kündigungsschutz und der Bürgerversicherung „ohne Not und Sachkenntnis“ abgegeben. Der so Gescholtene wies darauf hin, dass er in der „Berliner Zeitung“ – außerhalb seiner fachlichen Zuständigkeiten – nur seine persönliche Meinung gesagt und sich keinesfalls gegen die Politik der Bundesregierung gestellt habe.

Er wolle die Diskussion auch nicht weiterführen. Sarrazin sei nun mal ein „meinungsfreudiger Ökonom“, sagt sein Sprecher Matthias Kolbeck. Bis Ende August bleiben die Sozialdemokraten wohl von der Meinungsfreude des Finanzsenators verschont. Er muss ins Krankenhaus, um sich am Ohr operieren zu lassen.

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