Berlin : Meister aller Klassen

Kurz vor Ferienende bringt der Pedell die Schule in Schuss

Lothar Heinke

Pedell? Gibt’s den eigentlich noch? Kennen Sie einen, wie er missmutig über Schulflure schlurft, bedrohlich mit dem Karzerschlüssel klappert und die Schüler anranzt? Nein. Der ist von gestern. Heute heißt der Pedell offiziell Schulhausmeister, ist eine Art „Lord of the keys“, auf jeden Fall aber ein Mann für alle Fälle. Wie Jürgen Lowack, einer von tausend Berlinern, die jetzt, wenige Tage vor dem Ende der Sommerferien, ihre Schulen für den Start ins neue Schuljahr am kommenden Montag empfangsbereit machen. Der 55-Jährige ist das schulhausmeisterliche Organisationstalent mit handwerklichen Fähigkeiten, die gute Seele der Humboldt-Oberschule Tegel. „Ja, ich freue mich“, sagt er und lächelt, irgendwie scheinen fünf Wochen ohne die 1200 Schüler und 100 Lehrer in dem würdig-schönen hundertjährigen Schulgebäude genug, „da fehlt einem schon was“.

Jetzt zerrinnen die Stunden bis zum ersten Klingelzeichen. Es werden Tische von Graffiti gesäubert, Klassenräume mit aufpoliertem Mobilar versehen, Schlösser in Ordnung gebracht und defektes Gestühl zusammengeschweißt. Da kommt dem Hausmeister, der mit Freud’ und Leid dieses Jobs aufgewachsen ist, weil auch sein Vater Pedell bei Humboldts war, der eigene Beruf zugute: Werkzeugmacher. „Handwerker muss man schon sein, wer den Dingen des Hausmeister-Lebens nicht ratlos vis-a-vis stehen möchte“, sagt Jürgen Lowack, „schließlich reicht die Spanne von der Klosettverstopfung bis zur Renovierung von Klassenräumen.“

Der Tag des modernen Pedells beginnt mit dem Aufschließen des schweren Schultors und der Klassenräume früh um sieben, dann läuft der Unterricht, und Meister Lowack verschwindet in seinem Büro, das mit so viel technischem Gerät voll gestopft ist, dass wir besser von einer Handwerkerwerkstatt sprechen. „Mein Reich – meine Welt!“ Ein paar präparierte Fischköpfe an der Wand erzählen vom Hobby des Hausmeisters, aber zum Angeln kommt er erst ziemlich spät, denn wenn die Schüler gegen 15 Uhr das Haus verlassen haben, beginnt der Klavierunterricht einer Reinickendorfer Musikschule, kommen Judokas und Ringer bis 22 Uhr in die Sporthalle und belegen 300 Volkshochschüler die Klassenräume. Das heißt: Erst nach 22 Uhr dreht sich der Feierabend-Schlüssel im Schloss, „das immer leichtgängig sein muss“. Also ölen statt nölen. Freundlich den Schülern sein Ohr leihen, „schließlich wollen die was von mir“, und wie es in den Haushofmeister hineinruft, so schallt es zurück. Hier wird oft und gern gefeiert, „wer feiert, ist von der Straße runter“, sagt Herr Lowack. Er kennt so ziemlich alle Schliche, meistens, vor allem nach dem Abi, ist er als Vertrauensperson Komplize der schnöden Schüler-Streiche wider die Lehrerschaft. So wurde einmal ein Auto in seine Teile zerlegt und nachts im Konferenzzimmer wieder zusammengebaut. Oder: Im Lehrerzimmer schwebten plötzlich tausend aufgeblasene Luftballons. Oder: Über Nacht wurde das riesige Schulgebäude mit Papierbahnen verhüllt. Kein Reinkommen. Nur einmal herrschte Ratlosigkeit: Wieso stinkt es in dieser einen Klasse von Tag zu Tag mehr? Der Hausmeister steigt auf eine Leiter, lockert die Deckenplatten – und findet eine Tüte voller Flundern, nicht mehr ganz frisch. Die Nachfahren Humboldts hatten mit den toten Fischen den Vogel abgeschossen.

Und was sagt der Direktor zu seinem Pedell? Hinrich Lühmann ist einst selbst in diese in vieler Hinsicht bemerkenswerte Schule gegangen und kennt noch Lowacks Vater, der die Dynastie vor 50 Jahren begründete. „Eigentlich ist Hausmeister der unmögliche Beruf einer gespaltenen Persönlichkeit“, findet der Direx und zählt auf, was sein Kollege Lowack alles sein muss: Pädagoge, Arbeitgeber (für seine Handwerker), Seelentröster für die Schüler („Wo ist mein Ranzen?“), er muss als eine Art technischer Manager vernünftige Ratschläge zu den Abläufen im Schulalltag geben, er ist Geheimnisträger und Vertrauensperson, „einen Amtsarsch könnten wir nicht gebrauchen“.

So wird noch ein wenig Staub gewischt und gebohnert, und dann kommen sie alle wieder – endlich.

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