Berlin : Meister aller Leitungen

Andreas Fischer flickt das Stromnetz

Christoph Stollowsky

Manchmal spielt er rettender Engel, besonders jetzt, in der düsteren Jahreszeit. „Na, dann machen wir mal das Licht wieder an“, sagt Andreas Fischer, greift die grüne Bewag-Jacke, studiert die Karte an der Wand seines Büros, die aussieht wie ein riesengroßer Schaltplan – und weiß, was Sache ist. So also verlaufen die Netzkabel in der Erna-Berger-Straße, Mitte. 15 Minuten ist es her, da versank sie im Dunkel. Stromausfall. Fischers Zeigefinger folgt Linien und Halbkreisen und deutet auf Abschnitte, in die er Strom schicken will – zur Überbrückung. Damit beschert er den Anwohnern Licht, kalte Kühlschränke und funktionierende PCs.

Bis zur Wende war Andreas Fischer in Ost-Berlin Elektromonteur, reparierte defekte Hauskabel und Sicherungen. Doch schon damals zog es ihn zum großen Ganzen. „Unser System der öffentlichen Stromversorgung ist wirklich raffiniert“, sagt der 44-Jährige. „Tausende Verteilerkästen, Netzstationen, die Umspannwerke, und dann diese verästelten langen Leitungen, die Strom in die kleinste Hütte bringen.“ Dieses Netz wollte er beherrschen, die Bewag bot ihm die Chance. Seit 1990 ist er Experte für Berlins Stromverbindungen. Auf seiner Visitenkarte steht „Netzmeister Andreas Fischer“.

Mit zwei Kollegen fährt der Meister um 17.18 Uhr mit dem Wagen des Entstörungsdienstes vom Hof der Zentrale am Heizkraftwerk Mitte. Diesmal hat ein Bagger ein 230-Volt-Kabel in der Erna-Berger-Straße zerrissen. Das ist die häufigste Ursache von Stromausfällen. Jede Tiefbaufirma erhält zwar einen Kabel-Lageplan, aber der wird gerne ignoriert. Besonders kurz vor Feierabend oder zum Wochenende, wenn die Arbeiter fertig werden wollen. Zu diesen Zeiten schwant Fischer, dass er gleich wieder los muss zu den üblichen 16 Uhr- oder Freitags-Pannen: Leitung gekappt, Kurzschluss in der Netzstation, die 10 Kilovolt (kV) auf 230 Volt reduziert und zu den Hausanschlüssen schickt. Da geht nichts mehr.

Der Wagen biegt in die dunkle Erna-Berger-Straße ein. Die Anwohner warten schon und fragen, was sie immer fragen, wenn der Bewag-Notdienst kommt: „Wann wird’s denn wieder hell?“ Fischer sagt: „Geduld, Geduld“ und verschwindet in einem nahen Backsteingebäude, dem Umspannwerk, das mehrere Netzstationen mit 10kV-Strom versorgt. Er steht vor Dutzenden grauen Wandkästen mit vibrierenden Anzeigern, liest Instrumente ab, drückt Tasten – und überbrückt den unterbrochenen Stromfluss. Jeweils zwei Netzstationen sind für ein Wohnquartier zuständig. Die eine versorgt die Häuser im Normalfall. Fällt sie aus, wird der Strom über die zweite Netzstation ins Gebiet geschickt.

Licht an. 50 Minuten nach dem Störfall pusten die Leute in der Straße die Kerzen wieder aus. Und für Fischer und seine Kollegen beginnt der zweite Arbeitsschritt: Sie können das durchtrennte Kabel in Ruhe ersetzen.

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