Meister der Mixgetränke : Berliner Barkeeper beim Weltfinale im Cocktailmixen

Atalay Aktas ist der beste Barkeeper Deutschlands und hat es bis ins Finale um den Titel des "Besten Bartenders der Welt" geschafft. In seiner Kreuzberger Bar "Schwarze Traube" mixt er Cocktails auf Weltklasseniveau.

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Jeder Griff sitzt. Atalay Aktas von der Kreuzberger Bar „Schwarze Traube“ hat es bis ins Finale um den Titel des Besten Bartenders der Welt geschafft.
Jeder Griff sitzt. Atalay Aktas von der „Schwarzen Traube“ in der Wrangelstraße beim Finale um den Titel des Besten Bartenders der...Foto: Getty Images for Diageo

Gedämpftes Licht, dunkles edles Holz, zwei Männer und eine Frau, alle drei gehobenen Alters und elegant gekleidet, sitzen am Tresen. Auf der linken Seite stehen an die hundert Flaschen mit Hochprozentigem, auf der rechten unzählige Gläser in sämtlichen Größen und Formen. Und hinter dem Tresen ein junger Typ mit Hornbrille und Vollbart, die knapp schulterlangen Haare zum Zopf gebunden. Er nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche, wippt auf den Zehenspitzen, kreist zur Lockerung die Arme. Die Anspannung spricht aus jeder seiner Bewegungen.

Denn Atalay Aktas, Barkeeper aus Kreuzberg, ist gerade nicht wie sonst jeden Abend in seiner Bar „Schwarze Traube“ in der Wrangelstraße, sondern an Bord des Fünf-Sterne-Kreuzfahrtschiffes Azamara, das gerade von Monte Carlo Richtung Saint-Tropez schippert. In der Casino-Bar auf Deck fünf hat die erste Runde des Finales um den Titel „Weltbester Bartender 2013“ soeben begonnen. Es ist neun Uhr morgens und die drei an der Bar sind nicht irgendwelche Gäste, sondern Mitglieder der neunköpfigen internationalen Jury, allesamt Legenden der Barszene. Der deutsche Teilnehmer mit türkischen Wurzeln gibt dem Barmann von den Cayman Islands, der vor ihm dran war, einen High Five, gleich beginnt seine Performance. Zehn Minuten hat er, dann kann schon alles vorbei sein.

44 Bartender aus der ganzen Welt treten gegeneinander an

Zum fünften Mal veranstaltet der weltgrößte Spirituosenkonzern „Diageo“ den Wettbewerb um den Titel des besten Barmixers. 41 junge Männer und drei Frauen treten Anfang Juli gegeneinander an, sie kommen aus Australien und Belgien, aus El Salavdor und Norwegen, aus Russland und Vietnam. Und aus Deutschland ist Atalay Aktas dabei, der beim Europafinale im Mai seinen Frankfurter Kollegen ausgestochen hat. Der Berliner findet sich nun in der skurrilen Situation wieder, am frühen Morgen auf einem Luxusdampfer den drei Connaisseuren an der Bar in kürzester Zeit zwei Cocktailkreationen kredenzen zu müssen, die zum Motto „Roter Teppich“ passen: inspiriert von Film und Literatur.

Während der 31-Jährige Wodka, ein paar Tropfen Agavensaft und einen Zweig Rosmarin in einen Shaker gibt, ordentlich schüttelt, die Flüssigkeit in Gläser füllt und das Ganze mit einem Hauch frischem Limettensaft und einer Prise Pfeffer abrundet, rezitiert er auf Englisch ein selbst verfasstes Gedicht, das wie der Cocktail den Titel „My Destiny“ trägt, mein Schicksal. Inspiriert dazu habe ihn „Romeo und Julia“. Sofort ist klar: Hier geht es nicht darum, mal eben einen leckeren Drink aus dem Handgelenk zu schütteln. Hier geht es um die ganz große Show. Die Zutaten variieren von Goldstaub, Austern und Lavendel bis zu Pumpernickel und Gurke. Zu den Juroren zählen Koryphäen wie Peter Dorelli, der zwanzig Jahre Barchef in der American Bar des Londoner Hotels Savoy war, Salvatore Calabrese, dem das „Salvatore’s“ in London und das „Mixology 101“ in Beverley Hills gehören, und Dale Degroff, Spitzname „King Cocktail“, der in der New Yorker Bar „Rainbow Room“ Ruhm erlangte und Autor diverser Cocktailbücher ist. Sie alle haben in ihrem Leben mehrere tausend Drinks gemixt und getrunken, allein an diesen fünf Tagen kosten sie täglich etwa dreißig. Da muss auffallen, wer in Erinnerung bleiben will.

Kein klassischer Barkeeper

Apropos auffallen: Das tut Atalay Aktas schon durch seine Erscheinung. Der 31-jährige Deutschtürke entspricht nicht dem Bild des klassischen Barkeepers, der sonst meist hinter dem Tresen – und in dieser Woche auf dem Schiff – anzutreffen ist: ein bisschen Dandy, Typ Frauenschwarm, selbstbewusst, strenger Scheitel oder Gelfrisur, schlichter Anzug oder weißes Hemd und Fliege. Atalay Aktas ist anders, das sieht man nicht nur am Rauschebart und dem kleinen Zopf, den er mal links am Kopf, mal rechts, mal oben und mal hinten gebunden hat. Die weite schwarze Bundfaltenhose hängt ein wenig tiefer im Schritt, an diesem Tag trägt er ein hellblau-rosa kariertes Kurzarmhemd. Ein unkonventioneller Kreuzberger lässt sich eben nicht glattstriegeln.

„Jetzt brauche ich erst mal eine Zigarette“, sagt er. Nach der morgendlichen Mixrunde lässt er sich in der Raucherecke am Pooldeck in einen der hellblauen Sessel fallen. Endlich mal eine ruhige Minute zwischen den Vor- und Nachbereitungen für die Wettbewerbsrunden. Erst am Nachmittag geht es weiter.

Bisher zufrieden mit der eigenen Leistung? „Eigentlich schon, aber der eine Juror mag mich nicht, so etwas spüre ich sofort.“ Das gehört zu den Qualitäten, die ein Barkeeper braucht. Gerade einer wie Atalay Aktas, der zu Hause in der „Schwarzen Traube“ Cocktails nicht nach Karte, sondern nach dem Wesen des Gastes mixt. Aber so sei das eben, die einen lieben dich, die anderen hassen dich, sagt er, nippt am Wasser und entschuldigt sich sofort: „Oh, sorry, habe ich gerade aus deinem Glas getrunken?“ Macht doch nix. Zurückhaltend wirkt er, fast schüchtern. Dabei sei er eigentlich eine Rampensau, sagt er.

Zu jedem Drink eine Geschichte

„Ich liebe es, hinter der Bar zu stehen und den Leuten Geschichten zu erzählen, während ich die Drinks mixe“, sagt er. Schon als Kind habe er dauernd Sachen zusammengemixt und sie dann probiert. „Auch Spülmittel hab ich getrunken. Meine Mutter musste ständig mit mir zum Arzt.“ Das Wirtschaftsstudium habe er, Sohn türkischer Einwanderer, nur für seine Eltern angefangen, aber wirklich studiert hat er nicht an der Uni, sondern in der Bar, sagt er, und zwar in der „Salut Bar“ in Schöneberg, die jahrelang sein zweites Zuhause war. Bis er vor genau einem Jahr zusammen mit Yalcin Celik die eigene Bar aufgemacht hat.

Der Wettbewerb ist für Atalay Aktas bereits am vierten Finaltag zu Ende. Gewinnen wird der Spanier David Rios, der eher dem Typ klassischer Bartender entspricht. Vielleicht ist die Welt noch nicht bereit für den Berliner Nonkonformismus. Zum Trauern bleibt Aktas keine Zeit. Denn heute Abend steht er schon wieder am Kreuzberger Tresen, um mit seinen Gästen die Geburtstagsparty zum einjährigen Bestehen seiner Bar zu feiern.

Schwarze Traube, Wrangelstraße 24, Kreuzberg, täglich ab 19 Uhr.

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