Berlin : Meisterliche Amateure

Eberhard Zagrosek hat den ersten Klavierwettbewerb für Nicht-Profis organisiert. Bis Sonnabend kann jeder zuhören

Konstantin Sakkas

Eberhard Zagrosek war schon immer ein Pionier. Als das Internet noch nicht erfunden war, fing er in der Softwareentwicklung an, um das Abenteuer Computer unter die Menschen zu bringen: „Es reizt mich, Dinge zu machen, die andere noch nicht gemacht haben.“ Nun hat er sich an ein ganz anderes Abenteuer gewagt: Er organisiert den ersten Klavierwettbewerb für Amateure in Deutschland.

Der schlanke, drahtige Mann um die Sechzig ist nicht wirklich Amateur. Gewiss, Zagrosek steht, anders als sein Zwillingsbruder Lothar, der neue Chefdirigent des Konzerthausorchesters, nicht im Rampenlicht; wer aber seine elegante Wohnung am Kurfürstendamm betritt, spürt sofort: Hier ist die Musik zu Hause. Mit Musik ist der Sohn eines Geigers groß geworden, Musik ist für ihn heute, nachdem der diplomierte Physiker aus dem Management eines großen deutschen Technologiekonzerns ausgeschieden ist, Beruf und Hobby zugleich: „Ich habe zwei ausgeprägte Fähigkeiten: Klavierspielen und Managen. Und diese beiden habe ich jetzt zusammengebracht.“ Wer Zagrosek reden hört, weiß: Wenn dieser Mann etwas anpackt, dann mit Begeisterung und dem Willen zum Erfolg. Das eben sucht er bei den Teilnehmern: Die Amateure „strahlen eine Hingabe an die Musik aus, die man im normalen Konzertbetrieb so nicht immer findet“.

Was ist ein Amateur? Wörtlich übersetzt ein Liebhaber. Wenn Zagrosek Amateuren die Möglichkeit bietet, vor Publikum aufzutreten, dann sucht er eben dies: Liebhaber der Musik. Daher auch die Ausrichtung des Wettbewerbsrepertoires, in dem ein Präludium von Bach und ein Klavierkonzert von Rachmaninov gleichbehandelt werden. Zagrosek und seine Jury – Vorsitzender ist der ehemalige Philharmoniker-Intendant Elmar Weingarten – wollen sehen, ob ein Teilnehmer „wirklich Pianist ist oder doch nur ein Hochseilartist mit gelenkigen Fingern“. Dabei ist das Niveau durchaus mit dem der Profiszene vergleichbar.

In drei Runden treten die 60 Teilnehmer gegeneinander an, sechs kommen ins Finale. Dem Sieger winken ein Auftritt beim Klavierabend im Berliner Musikinstrumentenmuseum 2007 und – die persönliche Preisübergabe durch Sir Simon Rattle, den Chefdirigenten der Philharmoniker. Den Einstieg in eine Profikarriere dürften sich die Finalisten gleichwohl nicht erhoffen. Daran hindert allein schon das Mindestalter des Wettbewerbs: 35 Jahre. Grund hierfür: Der Initiator wollte keine „jungen Konservatoriumsabbrecher, die alle anderen an die Wand spielen“, sondern echte Amateure, Frauen und Männer, die im Berufsleben stehen und sich ihre Leidenschaft für das Klavier erhalten haben. Warum er selbst nicht Profi geworden ist? „Das Zeug dazu hätte ich gehabt. Aber ich wollte mir den unbefangenen Zugang zum Klavierspiel ein Leben lang erhalten.“ Durch sein eigenes Leben symbolisiert Eberhard Zagrosek das kulturpolitische Ideal, das er mit dem Wettbewerb fördern will: das Bewusstsein für die lebensbereichernde Kraft von klassischer Musik zu schärfen.

Dass die Klassentrennung zwischen Profis und Amateuren ein entscheidendes Hindernis auf diesem Weg ist, steht für ihn fest; ebenso der Hauptgrund für die hermetische Abriegelung der Szene gegenüber den begabten Dilettanten: die „unglaubliche Technisierung von Musik“ im 20. Jahrhundert. Zagrosek will eine Tradition wiederbeleben, in der Profis und Amateure wie selbstverständlich gemeinsam musizierten, bevor die moderne Aufnahmekultur mit ihren überzüchteten Einspielungen dazu führte, dass sich ambitionierte Pianisten nicht mehr an die Öffentlichkeit trauten.

Für sein Anliegen hat Zagrosek eine Reihe prominenter Mitstreiter gewonnen, neben Simon Rattle viele musizierende Expolitiker. Otto Schily ist offizieller Schirmherr des Wettbewerbs. Das Projekt ist aber ganz und gar Zagroseks Werk: Zwei Jahre lang hat er unermüdlich um Sponsoren geworben und Kontakte in die Musikszene bemüht. Dass für das Finale der Große Saal der Philharmonie gewonnen werden konnte, ist sicher der größte Werbeerfolg: „Ich wollte eine Bühne, die weltweit Symbolkraft hat.“ Doch auch das Rahmenprogramm kann sich sehen lassen: Tagsüber ist Kammermusik ist zu hören, im kleinen Saal der Philharmonie ebenso wie in der benachbarten Gemäldegalerie. Der Eintritt dafür ist übrigens frei.

Das Abschlusskonzert am Sonnabend in der Philharmonie mit dem Sinfonie Orchester Schöneberg unter Michael Sanderling ist für Zagrosek nur ein vorläufiger Höhepunkt. Einmal jährlich soll in Zukunft der Wettbewerb stattfinden. Was langfristig aus ihm werden soll? Zagroseks Antwort ist so wagemutig wie viel versprechend: „Eine Veranstaltung, über die irgendwann jeder Amateurpianist auf der Welt sagen wird: Da muss ich hin.“

Infos und Karten bei der Piano Amateur Competition Berlin, Internet www.ipac-berlin.com

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