Berlin : Meisterschüler Der von der Linkspartei

Der eine ist Berlins erfolgreichster Künstler, der andere Referent im Abgeordnetenhaus. Durch ein Stipendium war Guido Brendgens eine Zeit lang Teil der Welt Olafur Eliassons. Profitiert haben davon beide Seiten.

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Zwischen den Stühlen. Weil er die künstlerische Bildung von Politikern für unzureichend hielt, schrieb der Künstler Olafur Eliasson ein Stipendium aus. Guido Brendgens bewarb sich, zog seine Lederjacke an und verbrachte einen Sommer unter Künstlern. Foto: Paul Zinken
Zwischen den Stühlen. Weil er die künstlerische Bildung von Politikern für unzureichend hielt, schrieb der Künstler Olafur...

Doktor Guido Brendgens hält einen Plastikbecher mit Jägermeister in der Hand. Es ist kurz nach drei Uhr. Brendgens lächelt. Er wirkt verlegen. Auf einer Kiste vor ihm stehen zwei weitere Flaschen des Kräuterlikörs.

Brendgens ist Referent für die Linkspartei im Berliner Abgeordnetenhaus. Verheiratet, gerade Vater geworden. Er sitzt im Halbdunkel eines Schuppens auf dem Tempelhofer Feld, in dem früher ein Wetterballon untergebracht war. Draußen scheint die Sonne. Im Schuppen drängen sich Männer und Frauen auf selbst gezimmerten Bänken. „Wir gießen jetzt alle ein bisschen Jägermeister auf den Boden“, stiftet ein junger, schwarzhaariger Mann die anderen an. „Dabei denken wir an jemanden, der gerade nicht bei uns sein kann.“ Der junge Mann behauptet, dass es sich um ein beliebtes Ritual aus seiner kolumbianischen Heimat handele. Brendgens wirkt ein bisschen skeptisch. Er schaut in die Runde: Die anderen haben die Augen geschlossen und lassen bereits Likör aus ihren Bechern rinnen, um den Rest lustvoll zum Mund zu führen. Brendgens schüttet im Moment der allgemeinen Versunkenheit seinen gesamten Jägermeister aus.

Eine Stellenanzeige hat ihn hergebracht: Im vergangenen Dezember suchte der Künstler Olafur Eliasson einen Stipendiaten. Der Bewerber musste eine für ein Kunststipendium ungewöhnliche Qualifikation aufweisen: Berufserfahrung in der Berliner Politik. In einem Interview im „Spiegel“ begründete Eliasson die Ausschreibung damit, dass er die künstlerische Bildung der politischen Klasse für defizitär halte.

Ein Politiker, der beim erfolgreichsten in Berlin arbeitenden Künstler in die Lehre geht? Jedenfalls wird Eliasson in einschlägigen Ranglisten als solcher geführt. Was kommt dabei heraus? Guido Brendgens, Anzughose, pinkfarbenes Hemd, auserwählt aus zehn Bewerbern, folgt konzentriert einem Vortrag, den der Kolumbianer jetzt hält. Der junge Mann zeigt Kurzfilme von amerikanischen Polizeiautos, die seltsam zittern, als würde unter ihnen die Erde beben. Er berichtet, wie er sich tagelang mit einer Kamera in den Straßen herumgetrieben hat, bis er irgendwo ein geparktes, unbesetztes Polizeiauto entdeckte. Dann baute er schnell seine Kamera auf und rüttelte mit aller Kraft an der abgewandten Seite des Wagens. Die jungen Frauen und Männer lachen, der Kolumbianer schüttet sich Likör nach, Brendgens kommentiert amüsiert: „Es geht hier eher unkonventionell zu.“

Brendgens besucht von April bis September Eliassons Kunstschule, das sogenannte Institut für Raumexperimente, das der dänische Künstler vor drei Jahren als Teil der Universität der Künste gegründet hat. Das Institut hat zwei eigene Leiter, die für Kunststudenten ein ungewohnt umfangreiches Lehrprogramm zusammengestellt haben. Olafur Eliasson schaut nur sporadisch vorbei. Er ist viel in der Welt unterwegs. Zwei Wochen später trifft man ihn zum ersten Mal bei den Schülern auf dem Tempelhofer Feld. Er ist ein schmaler Mann in Jeans, Kaschmirpulli, der sehr ernst wirkt und mit leiser Stimme spricht: „Künstler und Politiker machen im Prinzip dasselbe.“ Deshalb sei der Austausch fruchtbar. „Sie gestalten Wirklichkeit.“

Doch Politiker und Künstler leben in verschiedenen Welten: Die Politik folgt, wie schon Niklas Luhmann in seiner Systemtheorie schrieb, dem Prinzip der Macht. Dagegen scheint die Kunst dieser Tage immer mehr um sich selbst zu kreisen und dabei an gesellschaftlicher Relevanz zu verlieren. „Die Kunst muss sich selbst kritisch unter die Lupe nehmen, wie wir uns besser in die gesellschaftliche Mechanik integrieren können“, sagt Eliasson. „Guido“, den er, der gebürtige Däne, mit langem U ausspricht, könnte da zu einer Entmystifizierung der Politik beitragen und „uns allen die pragmatische Seite der Politik“ beibringen.

Guido Brendgens hat sich dazu eine Lederjacke übergezogen. Die mildert die ästhetische Kluft zwischen Politikern und Künstlern ab. Denn auch die Lebensstile sind grundverschieden. Jungpolitiker wie die Familienministerin Kristina Schröder oder der Wirtschaftsminister Philipp Rösler waren, so scheint es, nie wirklich jung. Kunststudenten scheinen hingegen nie erwachsen zu werden. Mehrere der jungen Männer tragen buschige Bärte, die gerade wieder in Mode sind. Auf dem Tempelhofer Feld werfen sie jetzt mit Papierfliegern.

Brendgens hat einen Vortrag vorbereitet. Zur Illustration projiziert er Bilder an die Wand: Eines zeigt ein gewaltiges Wasserbecken, das vor dem Roten Rathaus ausgehoben werden könnte. Auf einem anderen sind bedruckte Satellitenschüsseln zu sehen. Ein Künstler hat sie nach den Lieblingsmotiven der Mieter des sogenannten Sozialpalastes in Schönebergs Pallasstraße gestaltet. Brendgens spricht Englisch, was Unterrichtssprache am Institut für Raumexperimente ist. „Toll“, sagt Eliasson abschließend, „dass du die Fotos selbst gemacht hast.“

Seine Ansprüche an die künstlerischen Fertigkeiten des Stipendiaten aus der Politik sind nicht besonders hoch. Brendgens selbst sieht ein gewisses Kompetenzgefälle zu seinen neuen Kommilitonen. Die seien, sagt er, „sehr bastelfreudig“.

Doch an diesem Nachmittag auf dem Tempelhofer Feld sind es Konzepte, die die Studenten vorstellen. Da plant einer, in Weimar einen Kanal für eine Woche umzuleiten. Im ausgetrockneten Flussbett soll der Unrat der vergangenen Jahrzehnte zu sehen sein, bevor ihn wieder die Fluten verdecken. Eliasson ermuntert den jungen Mann: „Du hast ein großes physisches Unternehmen vor dir, wie Hannibal, der mit Elefanten die Alpen überquerte.“ Ein anderer fährt in fremde Länder, gräbt dort Erde aus und nimmt sie in Tüten mit nach Berlin. Eliasson sagt: „Ich mag die Idee, den Planeten wie eine Skulptur zu behandeln.“ Er sucht vor allem motivierende Worte. Eine junge Frau bepflanzte einen Straßenbahn-Waggon. Sie hätten ihn gerne eingeklinkt in einen regulären Straßenbahnzug. Doch die BVG erlaubte nur, ihn auf den Alexanderplatz abzustellen. Eliasson stöhnt auf: „Der Alex, die gescheiterte Piazza von Berlin. Das ist sein Stigma. Ein Paradies für die unteren Einkommensklassen, die dort Currywurst essen.“

Seit achtzehn Jahren ist Olafur Eliasson in der Stadt. Zunächst bewohnte er eine kleine Wohnung in der Münzstraße in Mitte, die ihm auch als Atelier diente. Dort tüftelte er den Ventilator aus, der zur Berlin-Biennale 1998 gespenstisch durch die Rotunde des Postfuhramtes in der Oranienburger Straße kreiste und die Bewegung der Besucher choreografierte, die dem Ventilator auswichen.

Vor einigen Jahren hat Olafur Eliasson mit ungefähr 40 Mitarbeitern, darunter Architekten, Techniker, zwei Köchinnen, einen mehrstöckigen Backsteinbau auf dem Pfefferberg bezogen. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nannte sein Atelier einmal ein Unternehmen für optische Effekte und Naturübertreibungen. So ließ Eliasson in New Yorks East River für 15 Millionen Dollar vier Wasserfälle errichten und die Turbinenhalle der Tate Modern von einer riesigen Sonne erstrahlen. Sie wurde zum meistbesuchten zeitgenössischen Kunstwerk aller Zeiten.

Das Institut für Raumexperimente belegt das oberste Stockwerk des Backsteinbaus auf dem Pfefferberg. Nur in diesem Sommer ist es ausnahmsweise für ein paar Wochen auf das Tempelhofer Feld ausgelagert. „Wir suchen mit dem Institut den Abstand zur Akademie. Unsere Kunst spielt halb auf der Straße. An der Urbanität interessieren mich die grundsätzlichen Fragen, wie sich Menschen begegnen“, sagt Eliasson. Die Stadt wird den Studenten zum Labor und zur Performancebühne. „Unsere Experimente“, hofft Eliasson, „lassen sich bestimmt gut mit dem Guido besprechen.“

Der sitzt ein paar Tage später in seinem Büro im Abgeordnetenhaus. Brendgens wirkt sehr freundlich und ein bisschen stolz. Vor elf Jahren ist er eingetreten in die Linkspartei, die damals noch PDS hieß, um sich zu positionieren gegen den Afghanistankrieg. Seit fünf Jahren arbeitet er in der Linksfraktion des Abgeordnetenhauses den Parlamentariern bei den Themen Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Umwelt zu. Er kennt sich gut aus mit den Bebauungsplänen, der gescheiterten Mietrechtsnovelle, der auslaufenden Anschlussförderung für den sozialen Wohnungsbau. Brendgens wirkt wie ein kompetenter Referent, der aber eigentlich immer im Hintergrund bleibt. Bei der Vergabe des Stipendiums wurde er nun Kollegen von der SPD, den Grünen und Piraten vorgezogen. Mitglieder von CDU und FDP hatten sich nicht beworben.

Brendgens Bildschirmschoner zeigt die Basilius-Kathedrale. Seine Frau kommt aus Moskau. An der Wand neben seinem Schreibtisch hängt das Schwarz-Weiß-Foto eines Schaffners am Ostkreuz. Passende Motive für ein Büro eines Linken-Politikers. Wie kommt denn jemand, der sein Büro so schmückt, mit dem Kunstbegriff des Institutes für Raumexperimente aus, der offener nicht sein kann? Brendgens hält es für kleinlich, wenn man aus seinem Bildschirmschoner seinen Kunstbegriff ableiten will. „Ich find’s toll, wenn die Kunst zu den Leuten hingeht, die nie ein Museum betreten würden“, sagt er. Er wirkt fest entschlossen, die Welt, in die er für wenige Monate Einblick nimmt, vorbehaltlos gut zu finden.

Anfangs, sagt er, hätte er noch manchmal kopfschüttelnd gedacht: „Diese Künstler!“ Mittlerweile nehme er sie ernst. Begeistert berichtet er, wie die Studenten und er kürzlich auf dem Tempelhofer Feld zwei Gruppen gebildet hätten, die sich auf der riesigen Fläche immer weiter voneinander entfernten, wobei sie immer mal wieder laut „Hallo“ riefen. Irgendwann hörten sie die Rufe der anderen nicht mehr. „Mit den Kollegen des Berliner Abgeordnetenhauses habe ich zwei Mal das Feld mit Bussen abgefahren“, sagt er. „Doch durch dieses Spiel habe ich ein ganz anders Gefühl für den Ort bekommen.“

Er sucht sich auf dem Stundenplan des Institutes für Raumexperimente Veranstaltungen heraus, die ihn interessieren. Da geht er hin, man kennt und akzeptiert ihn. Der eine oder andere Kunststudent würde ihn sogar fragen, wie man sich engagieren könnte in der Politik. Manche sind nie auf ihn zugekommen. Er plant, seine Mitstudenten auch einmal ins Abgeordnetenhaus einzuladen. „Wenn es jemanden interessiert...“, sagt er vorsichtig. Er muss sich beeilen. Für den Winter zieht das gesamte Institut nach Addis Abeba, ein Ort, der wohl für viele auch nicht ferner ist als das Berliner Abgeordnetenhaus.

Ist so ein flüchtiges Leben nicht auch ein bisschen dekadent? Die Künstler hätten es auch schwer, sagt Brendgens entschuldigend. Sie müssten gegen die Bedeutungslosigkeit ankämpfen. In der Politik hingegen würden Hunderte im Bundestag und in den Landesparlamenten ein gutes Auskommen finden. So könnten sie in seiner Fraktion kollegial zusammenarbeiten.

Ein verregneter Samstagabend im Juli, das Wochenende des jährlichen Rundgangs an der Universität der Künste, eines der ausschweifendsten gesellschaftlichen Ereignisse des Berliner Universitätsbetriebs. Auch Eliassons Studenten zeigen in einem Raum im Hauptgebäude in der Hardenbergstraße ihre Arbeiten, was gar nicht so einfach ist, denn die meisten ihrer Werke kann man schwerlich an die Wand hängen.

Brendgens ist mit seiner Frau und dem Baby gekommen. Eliasson hat seinen Sohn mitgebracht. Er wohnt mittlerweile mit seiner Familie in Kopenhagen und pendelt auf den Pfefferberg. Übrigens soll in den Keller des Backsteinbaus Ai Weiwei einziehen. Auch er soll am Institut für Raumexperimente unterrichten.

Tags zuvor hat Olafur Eliasson in London eine kleine Solarlampe vorgestellt, Little Sun. Elf Dollar soll sie in den Entwicklungsländern kosten und 1,6 Milliarden Menschen, die außerhalb von funktionierenden Stromnetzen leben, Licht bringen. Eliasson mag es groß. Jetzt schüttelt er Brendgens die Hand. In der Mitte des Raumes steht ein überdimensioniertes Regal. Brendgens und Eliasson laufen interessiert drumherum: Monitore stehen auf den Regalböden, auf denen Filme der Studenten laufen. Eine Studentin hat einen Stuhl in einem Baum aufgehängt, ein Student Schächte in den Waldboden gegraben.

Brendgens, dem Stadtpolitiker, gefällt die Straßenkunst des Institutes. Vielleicht weil so die Stadt lebendig, manchmal unberechenbar wird. Womöglich ist eines Morgens der Landwehrkanal für eine Woche verschwunden, oder in einem U-Bahn-Wagon drängen sich Pflanzen statt Menschen. Brendgens sagt, vielleicht könnte man in der Verwaltung einen Ansprechpartner schaffen, der solche Kunstaktionen wohlwollend befördert. Eliasson selbst scheiterte in den 90er Jahren mit einem Projekt an der Verwaltung: Er wollte damals die Spree grün färben.

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