Memoiren : Das Prinzip Wowereit

Seit heute liegen die Bekenntnisse des Regierenden Bürgermeisters vor: Viel Persönliches, aber auch Kritik an politischen Freunden. Eine Lebensgeschichte sind sie nicht.

Bernd Matthies
Wowereit
Der Regierende Bürgermeister mit seinem Lebensgefährten. -Foto: dpa

Eine wichtige Frage wird durch Klaus Wowereits Lebenserinnerungen zweifelsfrei geklärt: Der Schuh war nur ein Schuh, ein roter Pumps, sonst nichts. „Nie ist auch nur ein Tropfen Champagner in das gute Stück geflossen“, schreibt Wowereit in seinen heute erscheinenden Lebenserinnerungen, die den unausweichlichen Titel tragen: „… und das ist auch gut so“ (Blessing, 19,90 Euro). Mit dem Foto von der Bambi-Verleihung, Schuh in der Linken, Sekt in der Rechten, fing er sich den zäh haftenden Titel des „Regierenden Partymeisters“ ein. Zu Unrecht, wie er findet, und deshalb einen großen Teil des Buchs dem Streben widmet, dieses Etikett aus der Welt zu schaffen.

 Aber was ist das überhaupt für ein Buch? Für Memoiren im engeren Sinn dürfte es ein wenig früh sein. Die Einleitung „Mein Berlin“ gibt über seine Motivlage nicht viel her: Er habe nie viel über sein Privatleben verraten, heißt es, „klüger schien es mir, meine Geschichte, so unspektakulär sie auch sein mag, am Stück zu erzählen.“ Wowereit hat erzählt, der Journalist Hajo Schumacher hat aufgeschrieben, knappe, überschaubare Sätze, einfache Gedanken, viel Menschelndes, dagegen kaum Stoff für Seminare und Geschichtsbücher.

Zentralfigur ist die Mutter


  Wowereit, der Junge von nebenan. Aus einfachsten Verhältnissen aufgestiegen, von der Mutter aufgezogen wie Gerhard Schröder, später ohne Hausmacht erfolgreich wie Angela Merkel. Es mag sein, dass diese beiden nicht die wichtigsten Koordinaten im Leben Wowereits sind. Aber das Buch sagt jedenfalls nicht, dass er sich deren Job nicht zutraue. Eitelkeit und Ehrgeiz sind sein Antrieb, das bestreitet er nicht.

Zentralfigur der ersten Jahrzehnte ist seine Mutter Hertha Grüner, die fünf Kinder von drei Männern in relativer Armut großzog. „Ich war kein Streber, aber auch nie abstiegsbedroht“, berichtet Wowereit und ergänzt später, die Zwei sei insofern die ideale Note gewesen: „Sie sah gut aus, aber man stand nicht unter Perfektionismusverdacht.“ In der 9. Klasse wurde es kurze Zeit kritisch, nun gut, „dann habe ich mich ein bisschen angestrengt, die übelsten Fächer wie Latein abgewählt, und schon war die schulische Karriere gerettet.“ Spötter werden anmerken, das habe sich bis heute nicht geändert – aber so einfach ist das Prinzip Wowereit wohl doch nicht gestrickt.

  Charakteristisch ist eine gewisse Geschmeidigkeit des Lebenswegs. Der Leser blättert im Leben eines Berufspolitikers herum, der anscheinend völlig unfähig war, jemals die falsche Abzweigung zu nehmen. Drogen? Kein Thema. Gruppenrituale der 68er? K-Gruppen? Haben ihn nicht interessiert. Die Grundsatzfrage seiner Generation – Beatles oder Stones? – entschied er, logisch, zugunsten der Beatles, eine andere – CDU oder SPD? – scheint sich nie gestellt zu haben, denn die Aufnahme in die SPD schildert er, als wäre es Grün-Gold Lichtenrade gewesen: „Ich war 18, als mich eine gute Freundin, meine Klassenkameradin Petra, für die SPD anwarb.“ Warum SPD? Hätte es eventuell zufällig auch die CDU sein können? Ja: Die Mutter hatte immer SPD gewählt, weil ihr die Gerechtigkeit wichtig war. Aber die Tempelhofer SPD von 1972 muss ein grauenhafter Kanalarbeiterverein gewesen sein, „so modern wie Portugal vor der Nelken-Revolution“ und deshalb als „Portugiesisch Tempelhof“ verspottet. Hier kommt allerdings eine Wowereit-Schlüsselstelle: Er konnte auch die Stamokap-Linken der Partei nicht leiden, resignierte aber nicht, sondern machte seine eigene Klitsche auf: „Wenn mir die alte Garde der Tempelhofer SPD ebenso suspekt war wie die DKPler, dann musste ich halbwegs richtig stehen, dachte ich. So ist es bis heute geblieben.“

"Stabile Mobbingkultur"

Blühende Gesundheit in der Mitte zwischen Pest und Cholera – das ist Wowereit pur. Ohne Hausmacht, immer irgendwie misstrauisch beäugt, aber deshalb dann doch der penetrant erfolgreiche Kompromisskandidat: Nach diesem Prinzip scheint er jetzt sogar seinen Anlauf auf das Kanzleramt zu organisieren. Die zarten Seelen seiner Partei interessieren ihn dabei wenig, zumal, wenn sie zur Nomenklatura von gestern gehören. „Ich galt als unkonventionell und unberechenbar“, schreibt er, „und genoss den zweifelhaften Ruf, über Leichen zu gehen.“ Viele wollten ihn nicht, und doch brachte es der undogmatische Juso zum Stadtrat, dem damals jüngsten in Berlin.

Beim Einstieg ins Abgeordnetenhaus umkurvt er die Hinterbank, wird haushaltpolitischer Sprecher und stellvertretender Fraktionschef. Und fühlt sich gleich wieder unpässlich: „Das Gekungel der alten Männer, über Jahrzehnte eingeübt, widerte mich an“, heißt es. Er motzt über die „stabile Mobbingkultur“ seiner Partei, watscht Weggefährten aber selbst nicht ungern ab: „Ein roter Schal und das verblasste Glück, zufällig im historisch richtigen Moment Regierender Bürgermeister gewesen zu sein, genügten Walter Momper, Klaus Böger aus dem Rennen zu werfen.“ Wowereit/Momper, das ist kein Traumpaar, „Momper war mir zu stalinistisch, Kompromisse kannte er nicht“. Heinz Buschkowsky, der Neuköllner Lokalmatador? „Profiliert sich auf Kosten seiner Partei mit Brachialkritik.“ Ditmar Staffelt, der Tempelhofer Mitstreiter? „Genauso gut hätte ich eine Qualle an die Wand nageln können.“

Den Bruch mit der CDU im Verlauf des Bankenskandals beschreibt Wowereit als zwangsläufigen Schritt. Es war offenbar ebenso unausweichlich wie lustig, die obersten Christdemokraten zu demontieren: „Diepgen war ein dankbares Opfer. Er war wahnsinnig leicht auf die Palme zu bringen, das hat immer wieder Freude gemacht.“ Landowsky hingegen, nun ja, ein harter Hund; der einzige CDU-Mann auf Augenhöhe, wie der Leser folgern muss. Parallel schildert Wowereit seinen familiären Weg. Das Knutschen im sturmfreien Lichtenrader Partykeller, die langsam dämmernde Erkenntnis, dass er doch eher Männern zugeneigt sei, das Zusammentreffen mit Jörn Kubicki, der seit 1993 sein Lebensgefährte ist, das Siechtum der Mutter. Und, ausführlich, die Überlegungen, die ihn auf dem Parteitag 2001 zum weltberühmten Satz „Ich bin schwul, und das ist auch gut so!“ brachten: „Wer dahinter ein Kalkül der Selbstvermarktung vermutet, der hat nicht die geringste Ahnung, welches Wagnis ein Coming-Out für Homosexuelle bedeutet.“

Journalisten machen immer Ärger

Niederlagen scheint es praktisch nicht gegeben zu haben; wo sie doch vorkamen, wendete Wowereit sie zum Sieg. Die Kandidatur für den Bundestagswahlkreis Zossen scheiterte, ein Glück, findet er heute, „eine Stimme mehr, und ich wäre Bundestagsabgeordneter gewesen auf dem Posten, den Peter Danckert jetzt bekleidet“, aus dem Rennen für Berlin. Ob Danckert das gern liest?

Das Regieren in der rot-roten Koalition funktioniert, erfahren wir weiter hinten, nur die Journalisten machen immer Ärger. Der Schluss gerät deshalb zur ausführlichen, mit allerhand Spitzen gespickten Rechtfertigung gegen vielerlei Kritik. Die Presse hat ihm bisweilen übel mitgespielt, das lässt sich kaum bestreiten, und einschlägige Selbstkritik ist bei Journalisten ebenso selten wie bei Politikern. Alle möglichen Leute waren mit ihm 2007 in Los Angeles, schreibt er, „doch schon am zweiten Tag hatten sich die meisten Reporter zeitweise ausgeklinkt, weil ihnen mein Terminplan offenbar zu ambitioniert war“. Am Ende hieß es dann: Wowi mal wieder auf Partyurlaub. Aber der Sonnenbrand, merkt Wowereit süffisant an, den hatten die Journalisten.

Er hat Fehler gemacht und viel gelernt, sagt er, den roten Pumps würde er „in einer ähnlichen Situation sofort fallen lassen“. Aber wer ist Klaus Wowereit nun wirklich? „Ich will nicht nett sein, um irgendetwas zu erreichen“, schreibt er, „sondern ich bin einfach nett.“ Kann sein. Oder auch nicht. Das Buch hat uns in dieser Frage nicht entscheidend vorangebracht.

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