Berlin : "Mensa": Nach nicht einmal zwei Jahren schließt das Restaurant im Tiergarten

Bernd Matthies

Sonnabend, 2 September, abends im Restaurant "Mensa" am Lützowplatz: Das Haus ist voll, die Küche brummt, doch die Männer, die plötzlich in der Tür stehen, haben weder Gänseleber noch Steinbutt im Sinn. Es handelt sich um einen großen Auftritt der Steuerfahndung auf der Suche nach pfändbarem Inventar. Markus Semmler, der Wirt des vielgelobten Restaurants, fragt sich einerseits, warum der Zeitpunkt dieses Besuchs so und nicht anders gewählt wurde, kann andererseits nicht ableugnen, dass er einen Haufen Steuerschulden hat - Spätfolgen der kostspieligen Trennung von einem ehemaligen Geschäftspartner. Gestern früh musste er die Konsequenzen ziehen und die Schließung verkünden, nach nicht einmal zwei Jahren. "Ich musste die Notbremse ziehen, um mich nicht noch weiter reinzureißen", sagte er gestern.

Ursache des Mensa-Niedergangs ist in diesem Fall also offenbar nicht der harte Kampf um finanzkräftige Gäste, der die Berliner Top-Gastronomen zu einer ständigen Gratwanderung zwingt. Denn das Restaurant war erfolgreich, wurde von vielen Stammgästen geschätzt und hatte durch die Lage am Tiergartenrand beste Zukunftsaussichten: Es ist von dort nicht weit zu vielen Botschaften, Ländervertretungen und den Büros von Wirtschaftsverbänden. "Das war das cleverste Gourmet-Restaurant seit Jahren", sagt Konkurrent Tim Raue, der sich nach eigenen Angaben an diesem Beispiel den Mut für die eigene Selbstständigkeit geholt hat. Semmler war im vergangenen Herbst vom Gault-Millau-Führer sogar zum deutschen "Restaurateur des Jahres" ernannt worden.

Er selbst nannte gestern als Grund, dass er wegen der "ungeklärten Pachtverhältnisse" keinen neuen Investor gefunden habe, obwohl Interessenten vorhanden gewesen seien. Pächter des Lokals ist nicht Semmler selbst, sondern ein ehemaliger Partner, der sich die Trennung Ende 1999 offenbar zu teuer bezahlen ließ. Der Pachtvertrag läuft noch bis Ende 2000; Semmler sagt, er habe jetzt vergeblich darüber verhandelt, diesen Vertrag übernehmen zu können. Somit habe es auch an der Grundlage für den Einstieg eines neuen Partners gefehlt.

Ironie der Geschichte für den gescheiterten Wirt: Sein zweites Restaurant "Stil" in der Uhlandstraße, das er im Frühjahr durch eine Kursänderung retten musste, bleibt ihm nun als einzige Perspektive. "Gas geben" ist seine Devise, die er durch persönliche Dauerpräsenz am Herd und im Restaurant verwirklichen will. "Es ist eben in Berlin doch nicht möglich, zwei Restaurants zu betreiben und im einen Koch und im anderen Manager zu sein", sagt er - eine teure Lektion, wie sie vor Jahren auch Siegfried Rockendorf lernen musste. Semmlers Hoffnung: Er möchte die Mensa-Stammgäste ins "Stil" mitnehmen. Viele sind ihm über seine Stationen in "Cecilienhof" und im "Schlosshotel Vier Jahreszeiten" gefolgt.

Für das Restaurant im "Stilwerk" bedeutet das eine erneute Kursänderung. Denn nach dem Scheitern des ursprünglich geplanten Gourmet-Konzepts hatte Semmler sich von Restaurantleiter Dominique Metzger getrennt und die Weichen in Richtung Bistro gestellt - doch die Mensa-Gäste sind ein höheres Niveau gewohnt und sollen nun im "Stil" ebenfalls ihre Wünsche erfüllt bekommen. Das gesamte Mensa-Personal wird in die Kantstraße wechseln, ausgenommen Küchenchef Stephan Bullerjahn, der in dieser Funktion nach "Schloss Cecilienhof" zurückkehrt, wo er vor Jahren schon unter Semmler tätig war. Ralf Zacherl, "Stil"-Küchenchef von Anfang an, bleibt im Haus.

Die Frage, ob sich die Stil-Reform rentiert habe, beantwortet Semmler mit "Jein". Es sei noch zu früh für eine Bilanz. Sehr viel zu tun habe man jedoch im Catering-Geschäft und mit Kochvorführungen. Das Mensa-Personal könne deshalb ohne Schwierigkeiten untergebracht werden.

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