Berlin : Mensch im Kaufhaus (Kommentar)

Katja Füchsel

Der Mensch denkt bekanntlich gerne in Kategorien. Und sommerliche Sonntage sind gewissermaßen dafür geschaffen, die Menschheit in zwei Lager aufzuteilen. Jene Glücklichen nämlich, die frei haben und die Sonne genießen können. Und jene Unglücklichen, die arbeiten müssen. Bei den Ausgeschlossenen stellten sich gestern spätestens gegen Mittag in den Büros die ersten Tagträume ein: Bilder von Strandkörben, Eisbechern und Wasserrutschen tauchten vor dem geistigen Auge auf. Man wünschte sich an ein schattiges Plätzchen am Schlachtensee, in den Biergarten oder Tiergarten. . .

Doch seit eben jenem Tage kommt man in Berlin mit den zwei bekannten Kategorien nicht mehr aus. Denn als die Sonne ihren höchsten Stand erreichte, wurde in der Stadt eine dritte Gattung geschaffen: Der Mensch im Kaufhaus. "Begleitet vom Jubel der Kunden hat der Kaufhof am Alexanderplatz am Sonntag um 12 Uhr seine Pforten geöffnet", meldeten gegen Nachmittag unsere Reporter. Tausende Kauflustige ließen Sonne Sonne sein, um in den klimatisierten Kaufhäusern an den Wühltischen die Ellenbogen auszufahren. Um im Neonlicht Kühlschränke, Fernsehapparate und Videogeräte zu prüfen. "Kaufen! Auch am Sonntag! Gerade am Sonntag!" hatten die Warenhäuser schon in der vergangenen Woche gelockt, und die Kunden folgten der Einladung in Massen (jubelnd!).

In den Biergärten mag am Abend mancher die mit Tüten beladenen Zeitgenossen belächelt haben. Den Menschen an den Schreibtischen wurden sie zum Trost. Denn auch, wenn der Tag im Büro nicht zu den glücklichsten aller Alternativen zählte. Die schlechteste war es auch nicht.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben