Menschen im Berliner Zoo : Mehr als nur Besuch

Etwa die 50 Stammgäste gibt es im Zoo, manche kommen jeden Tag. Um sie zu verstehen, ist unser Autor selbst zum Stammbesucher geworden. Lesen Sie hier einen Auszug und den ganzen Beitrag im digitalen Kiosk Blendle.

Johannes Laubmeier
Frau Kemp besucht den Rabenkakadu "Krümel" fast täglich.
Frau Kemp besucht den Rabenkakadu "Krümel" fast täglich.Foto: Mike Wolff

Plötzlich war da diese Frau. Klein und durch die Jahre zierlich gemacht, saß sie in der Südamerika-Abteilung neben dem Käfig der Rabenkakadus und redete, ganz leise. „Ja, wo ist denn mein Krümel?“, fragte sie. „Ja, komm mal her, Krabbelchen machen!“ Und Krümel, falkengroß und schwarz mit roten Schwanzfedern, kam. Er kletterte das Gitter nach oben, bis er auf Augenhöhe der Frau war und ließ sich den Bauch kraulen, knabberte an ihrem Finger, ganz leicht nur, so dass es nicht weh tat.

Eine unerwartete Begegnung, völlig ungeplant. Angefangen hatte es mit einer spontanen Idee, Nostalgie, Kindheitserinnerung. Ich hatte Besuch aus England und es war schönes Wetter und hey, wann warst du zum letzten Mal in einem Zoo? Ewig her? Gut, lass uns doch heute einfach mal hingehen. Und dann gingen wir hin, mit all den anderen Touristen. Es war voll und laut und ein wenig gehetzt, weil vor uns vier Kinder in einem Bollerwagen krakeelten und hinter uns eine ganze Schulklasse kurz vor der Pubertät stand. Es wurde spät, fast Toresschluss, und weil es schon ein bisschen düster war, gingen wir ins Vogelhaus, das zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie leer war.

Der Zoo, mehr als nur eine spontane Idee

Und plötzlich war da diese Frau. Und ich fragte sie, weil ich einfach fragen musste: „Entschuldigen Sie, kennen Sie den Vogel gut?” Ja, sagte sie. Erklärte, dass er eine Handaufzucht sei, acht Jahre alt, und sie ihn von Anfang an kenne. „Haben Sie denn hier gearbeitet?“ „Nein. Ich bin nur zu Besuch.“ Danke. Schönen Abend. Tschüss.

Im Foyer sah ich sie wieder. Sie stand noch ein wenig an den Café-Tischen, als würde sie auf etwas warten. Dann ging sie. Ich fragte den Verkäufer im Restaurant des Vogelhauses: Kennen Sie die Dame? Kommt die öfter? Und der Mann lachte. Ja, sie komme jeden Tag. Stammbesucherin, seit über zehn Jahren. In dem Moment wollte ich mehr wissen – warum tut sie das? Mir als Gelegenheitsbesucher wäre es nie eingefallen, dass es Menschen gibt, für die der Zoo viel mehr ist als nur eine spontane Idee. Blick zurück zu den Tischen. Die Dame war verschwunden.

Geh zweimal hin und du erkennst sie

Vierzig oder fünfzig Stammbesucher gibt es im Zoo. Menschen, die an mehreren Tagen in der Woche in den Zoo kommen, oder sogar jeden Tag. Das erzählt mir der Mann am Löwentor gegenüber vom Bahnhof, der mit seinem Scanner die Jahreskarten kontrolliert. Dasselbe schätzt auch die Pressesprecherin. Genaue Zahlen haben sie beide nicht. Der Mann am Löwentor erkennt sie, weil er oft hier ist und weil auch sie so häufig kommen, dass er sich an ihre Gesichter erinnern kann. Schon kurz vor neun Uhr morgens stehen manche da, als allererste, wenn der Zoo aufmacht. Stehen da und warten, wenn die Schlange der Touristen und Familien noch nicht mal kurz ist. Stehen da, wenn der Harmonikamann auf seinem Stuhl neben dem Zaun noch nicht spielt, weil es jetzt noch nichts zu verdienen gibt.

Für Touristen sind die Stammbesucher unsichtbar

Geh zweimal hin und du erkennst sie. Die gedrungene Frau mit den schlohweißen Haaren und dem weißen Nachthemd steht mit ihrem Rollator links, gleich neben dem Mann mit den langen Haaren im hellen Leinenanzug, der aussieht, als wolle er auf Safari, mit seiner Kamera mit der Superzoomlinse. Sie und alle anderen, die jetzt hier sind, warten darauf, dass das Tor aufmacht und sie einlässt in dieses zu dieser Zeit noch fast menschenleere Land. Ein paar Runden drehen, bevor der große Donner losbricht.

Für seine Stammbesucher ist der Zoo mehr als nur eine Urlaubsbeschäftigung, mehr als Geburtstagsüberraschung oder Schulausflug. Für die, die nur zu besonderen Anlässen hierherkommen, sind sie leicht zu übersehen, für Touristen unsichtbar. Deshalb muss man, wenn man verstehen will, warum sie immer wieder kommen, selbst zum Stammbesucher werden. (...)

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