• Menschen in Schwindel erregender Höhe: "Wer sich dort oben überwinden muss, hat den falschen Job"

Berlin : Menschen in Schwindel erregender Höhe: "Wer sich dort oben überwinden muss, hat den falschen Job"

Clemens Wergin

Sie arbeiten in 30, 50 oder gar 120 Metern Höhe: Weil am Sony Center die Scheiben schmutzig sind. Weil ein Kran aufgebaut werden muss. Oder weil eine Hochspannungsleitung den letzten Sturm nicht heil überstanden hat. Aufzug? Nein, danke. Der Tagesspiegel blickte in lockerer Folge mit den Höhenarbeitern auf die Stadt herab. Mit diesem Teil endet die Serie.

Wenn sie den Kranschaft emporklettern, sieht es aus, als gingen sie mal eben ins Wohnzimmer. Ohne Hast, aber trotzdem behände steigen die beiden Kranmonteure nach oben. Dann schweben sie über den Dächern. "Wenn jemand sich da überwinden muss, dann hat er den falschen Job", meint Peter Busse. Er und sein Kollege Bernd Kagelmann sind ein eingespieltes Team. Sie sind mitverantwortlich dafür, wenn Kransilhouetten sich am Himmel Berlins abzeichnen. Ohne ihre Millimeterarbeit in der Luft könnten die Kolosse, die von weitem so filigran aussehen, nicht auf den Baustellen der Stadt stehen.

Balance auf zehn Zentimetern Metall

Aber auch, wenn gerade kein Kran aufzubauen ist, turnen sie über die luftigen Streben. Die Aktionen sehen halsbrecherisch aus. Aber Kräne wollen auch gewartet werden. "Wir arbeiten sogar bei minus 10 bis 15 Grad", sagt Busse. Da kann es schon mal ungemütlich werden, wenn die Kletterer die "Laufkatze" am Ende des langen Auslegers reparieren müssen. "Da gibt es keinen Laufsteg und die Metallstreben sind nur etwa zehn Zentimeter breit." Nur wenn die Streben zu vereist sind und auch noch von Schnee bedeckt, wird eine Montage oder Reparatur abgebrochen. Sonst macht den beiden Kranmonteuren nur Wind und Regen zu schaffen.

Gesichert sind die Monteure mit Seil und Geschirr - fast wie beim Bergsteigen. Dabei gilt: Jeder ist für sein Geschirr selber verantwortlich. Busse ist seit 1978 dabei, Kagelmann schon seit 1969. Passiert ist ihnen in der langen Zeit nichts, doch sie wissen genau, wann es kritisch wird: "Der gefährlichste Moment ist das Anbringen des großen Auslegers", sagt Busse. Denn dann ist der hintere, kürzere Ausleger schon montiert, der ganze Kran ist aus der Balance. Wenn der Führer des Autokrans dann nicht millimetergenau arbeitet und der zu montierende Ausleger beispielsweise bei Wind gegen den Kranschaft pendelt, kann es passieren, dass der ganze Kran umfällt.

Um das zu verhindern, ist äußerste Konzentration vonnöten - und ein eingespieltes Team. "Wichtig ist, dass ich die Jungs nicht unter Zeitdruck setze", sagt Reinhard Wulf, der bei der Firma "Brandt Transporte Betriebe" die Einsätze koordiniert. Ein Kran-Aufbau kostet zwischen 5000 und 15 000 Mark. Bei den 140 Meter hohen Kranen, die für die Restaurierung der Hochhausblocks an der Leipziger Straße nötig waren, musste der Bauherr sogar 50 000 Mark hinlegen.

Aber die Sicherheit geht vor. Wenn es wegen irgendwelcher Probleme nicht gelingt, den Kran an einem Tag aufzubauen, "muss man auch Schluss machen können". Außerdem sieht Wulf es gar nicht gerne, wenn ein Bauunternehmer, um Geld zu sparen, eigene Maurer zum Montieren abstellt. "Das richtige Team ist am wichtigsten", sagt er. Nur wenn man dem Partner hundertprozentig vertrauen kann, gelingt es, das Risiko klein zu halten. Wenn einer der Monteure eine lange Nacht hinter sich hat oder nicht ganz fit ist, dann muss man sich darauf verlassen können, dass er das nicht verheimlicht. An solch einem Tag muss er eben am Boden arbeiten.

Jeder Kranaufbau ist anders

30 bis 40 Kranmonteure gibt es in Berlin und im Umland. Einmal im Jahr trifft man sich zu einer Schulung. Klar, machen dann Schauergeschichten von Unfällen oder kitzligen Situationen die Runde. Auch wenn das übertrieben ist: Spannend findet Kagelmann seine Arbeit noch immer. "Jede Montage ist anders, selbst wenn es derselbe Kran ist", sagt er. Jedes mal neu muss der Computer den Kranaufbau berechnen, je nach benötigtem Radius und maximaler Last, die zu heben ist. Unersetzliches Arbeitsgerät sind das Funkgerät und außerdem mehrere Kilo schwere Hydraulikschrauber. Mit dem 70-er oder 55-er Maulschlüssel werden die Bolzen mit zwei bis drei Tonnen vorgespannt - bis vor etwa acht Jahren musste das von Hand gemacht werden. Eine Knochenarbeit ohne Hilfe elektrogetriebener Maschinen.

Beide Monteure sind eigentlich gelernte Bauschlosser und haben auf den Monteurberuf umgesattelt. "Von 1000 Schlossern kann das nur einer", sagt Wulf. "Wenn einer beim ersten Aufstieg verkrampft, dann weiß man gleich: Der kann das nicht." Und was ist mit Hochgefühlen, wenn einer über den Dächern der Stadt schwebt? Keine Antwort. Kranmonteure quatschen nicht über Befindlichkeiten. Wenn sie abends stolz den Chef anrufen und durchgeben, "der Kran steht", merkt man ihnen den Stolz an. Dann war der Job ein guter Job.

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