Berlin : Menschliches

Gerd Appenzeller

Bei guten Freunden klönt man schon mal in der Küche. Neulich entdeckte ich bei ihnen einen Zettel an der Schranktür. Darauf stand der Name einer Telefongesellschaft, eine Rufnummer und der Zusatz: Menschennummer. Was das sei? Sie reagierten verlegen, aber dann erzählten sie. Kürzlich hatten sie ihre Telefongesellschaft gewechselt und sich dabei für einen gemeinsamen Anbieter für Telefon und Internet entschieden. Der war zwar preisgünstig, aber leider nur schwer erreichbar. Ruft man ihn wegen einer Unklarheit an, muss man mit einem Computer kommunizieren. Der sagt zum Beispiel: Haben Sie Fragen wegen Ihrer Rechnung, drücken Sie die 1. Geht es um einen Neuanschluss, drücken Sie die 2. Wollen Sie eine Tarifauskunft, wählen Sie die 3.

Für das, was man wirklich will, hat der Computer leider keine Zahl parat. Manchmal reagierte er dafür aber auch auf Sprachbefehle. Manchmal. Meistens war er bockig. Dann sagte er: Ich verstehe Sie nicht. Irgendwann gerieten die Bekannten durch einen jener Zufälle, den unsere Eltern als Fügung bezeichnet hätten, an eine menschliche Stimme. Die hatte sich nicht etwa in dem Computer verirrt, sondern gehörte zu einem Lebewesen, das alle Rationalisierungsphasen überstanden hatte und sich auch bereit erklärte, in wirklich begründeten Ausnahmefällen zu Auskünften bereit zu sein.

Das war die Menschennummer. Sie ist natürlich ein großes Geheimnis. Denn wenn wir die Nummer hier verraten, erfährt es die Telefongesellschaft, und dann wird der Mann eingespart.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben