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Das Kanzler-Eck in Mitte kocht staatstragend: Noch bestimmt Schröder die Richtlinien der Küche

Lothar Heinke

Es liegt mitten im Regierungsviertel, kulinarisch-strategisch unübertroffen. Es ist gemütlich. Diskret. Und wann immer man kommt – der Kanzler ist schon da. Er guckt dem Gast über die Schulter in die Suppenterrine, blickt ernst und staatstragend auf die Berliner Bratkartoffel oder neidvoll auf die Weinkarte. Wir sitzen im „Kanzler-Eck“ im Parterre eines frischen, gelben Hauses an der Ecke Reinhardt-/Charitéstraße, direkt am Karlplatz, der Kanzler braucht knappe zehn Minuten, bis er hier ist, Abgeordnete müssen nur zweimal um die Ecke gehen. Gleich am Eingang gibt es mit dem Grundgesetz-Artikel 65 eine Lektion über die Macht des Mächtigen: „Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik und trägt dafür die Verantwortung.“

Die bislang sieben Weichensteller der Republik hängen mehrfach an den Wänden; in einem Raum als Kopien der offiziellen Gemälde der bundesrepublikanischen Staatslenker, in einem anderen auf Foto-Porträts schwarz-weiß. Der achte Platz ist noch vakant, da starren wir nur auf ein Fragezeichen. Da soll eines baldigen Tages, vielleicht schon heute oder morgen, ein Gesicht erscheinen, aber wer ist es, der dann neben unserem seit 1998 in seinen Job verliebten Kanzler hängt?

Jener (oder jene) Neue sollte rasch das Leib- und Magengericht verraten, das dann in die „Kanzlerkarte“ des Restaurants, in dem übrigens auch der gemeine Wahlbürger sehr freundlich behandelt wird, aufgenommen wird. Sieben Kanzler gehen einem hier ja schon durch den Magen: Es gibt Adenauers Rheinischen Sauerbraten, Erhards Ochsenbrust, Kiesingers Schweine- und Willy Brandts Schollenfilet, Helmut Schmidts Kabeljau, Helmut Kohls Saumagen und Gerhard Schröders Kalbsschnitzel, jeweils variiert und gratiniert und verziert mit allerlei Schnickschnack. (Übrigens war Helmut Kohl bisher der einzige Regierungschef, der sich hier das Mahl „à la Helmut Kohl“ kredenzen ließ, aber Möchtegern-Kanzler schauen schon öfter mal vorbei).

Was kommt denn nun in den leeren Rahmen rein, Frau Wirtin? Also, sagt sie, ein Bild von Frau Merkel habe ich schon in der Schublade, kein offizielles Porträt, mehr so eine Momentaufnahme beim Reden im roten Jackett. Womit wird das neue Kanzlergeschöpf die Karte bereichern? Wir wissen es nicht. Offiziell gibt es keine Antwort auf die Frage, was Merkels gern zusammenkochen. Inoffiziell hat man die Auswahl zwischen Spaghetti mit Tomatensoße (gab’s immer in der DDR, siehe Alfons Zitterbacke), Spaghetti Bolognese (Weiterentwicklung Richtung Parteifreund Berlusconi), Kohlrouladen (unsere Heimat).

Weiteren Ermittlungen zufolge soll Herr Sauer, der Ehemann, seiner Frau auf ihren Wunsch schon mal Forelle oder Kartoffelsuppe bereiten, das Kanzler-Eck hat also eine kleine Auswahl, eventuell gehören auch Ragout fin und Soljanka dazu. Hmmm. Vielleicht aber kommen Weißwürstl über uns, oder es bleibt alles beim Alten? Was Roland Kocht eigentlich der Schäuble? Und der Merz oder der Fischer? Das wäre vielleicht ein Ding!

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