• Meral al-Mer, Jurorin beim Hatun-Sürücü-Preis: "Es gibt ein Leben nach der Familie"

Meral al-Mer, Jurorin beim Hatun-Sürücü-Preis : "Es gibt ein Leben nach der Familie"

Vor elf Jahren wurde Hatun Sürücü von einem ihrer Brüder erschossen. Meral Al-Mer, Jurorin beim Hatun-Sürücü-Preis, war selbst Opfer ihres Vaters. Im Interview erzählt sie, wie sie sich befreien konnte.

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Meral al-Mer war Opfer ihres brutalen Vaters. Sie zeigte ihn an und konnte sich so befreien. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben. Foto: Promo
Meral al-Mer war Opfer ihres brutalen Vaters. Sie zeigte ihn an und konnte sich so befreien. Über ihre Erfahrungen hat sie ein...Foto: Promo

Frau Al-Mer, Sie waren in der Jury für den von den Grünen ausgelobten Hatun-Sürücü-Preis. Was bedeutet für Sie Hatun Sürücü, die in Berlin am heutigen Sonntag vor elf Jahren wegen Ihres westlichen Lebensstils von einem ihrer Brüder erschossen wurde?

Ihr Schicksal macht mich sehr betroffen. Es gibt viele Parallelen zwischen Hatun Sürücü und mir. Sie wäre heute so alt wie ich. Ich beschäftige mich sehr mit dem laufenden Prozess in Istanbul gegen ihre Brüder. Sollten die Brüder verurteilt werden, hätte das eine Signalwirkung auch für die hier lebenden Migranten, dass man sich nach so furchtbaren Taten nicht einfach in die Herkunftsländer wieder absetzen kann und dort keine harten Strafen zu erwarten hat.

Hatun Sürücüs jüngster Bruder Ayhan wurde in Deutschland verurteilt und nach neun Jahren Jugendhaft abgeschoben. Die Brüder, Mutlu und Alpaslan, waren bei diesem ersten Prozess mitangeklagt, wurden aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Der Bundesgerichtshof hob die Freisprüche auf, die beiden Brüder waren aber mittlerweile in der Türkei, und die dortige Justiz weigerte sich, sie auszuliefern. Nun stehen sie in Istanbul vor Gericht, die Anklage fordert lebenslange Haftstrafen.
Hatun Sürücü wollte nichts anderes als so zu leben, wie sie sich das vorstellte. Sie stammte aus einer patriarchalischen, konservativen, muslimischen Familie, in der offenbar Gewalt zur Erziehung dazugehörte. Ich habe mich selbst losgelöst von einem Weg, den mir mein Vater vorgeben wollte. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ich heute ein eigenständiges Leben führen kann.

Sie haben das Buch geschrieben „Nicht ohne meine Mutter“, in dem Sie die Misshandlungen Ihres Vaters schildern. Warum wurden Sie bestraft mit Prügeln?
Ich wurde wegen nichtiger Gründe bestraft. Mein Vater hat mich gedemütigt, mich entwertet, mir von Kindheit an gedroht, meine Zunge abzuschneiden. Er hat eine Pistole an meine Schläfe gehalten. Er hat mich mit Steinen beworfen und mehrfach gedroht, mich umzubringen. Es waren Situationen, in denen ich nicht so reagiert habe, wie er sich das vorstellte.

Sie sind in Deutschland geboren. Ihr Vater hat Ihre wieder schwangere Mutter in ihr Heimatdorf an die türkisch-syrische Grenze zurückgebracht, sie dort im Haus ihrer Eltern mittellos zurückgelassen. Sie wurden mit 16 Monaten von Ihrem Vater nach Deutschland entführt und wuchsen bei der Stiefmutter auf.
Mein Vater hat jahrelang meine deutschen Stiefmütter geschlagen, beschimpft und verfolgt. Als ich fünf Jahre alt war, starb meine erste Stiefmutter. Eine neue Frau lebte mit ihm 13 Jahre lang zusammen. Gewalt war Alltag. Häusliche Gewalt hat meines Erachtens nicht viel mit der Kultur zu tun.

Haben sich die Werte in der muslimischen Community hierzulande verändert?
Die Tradition wird oft vorangestellt. Aber ich kenne viele junge Migrantinnen, die in aufgeklärten Elternhäusern aufwachsen, die einen emanzipierten Lebensstil der Kinder akzeptieren. Es gibt Aufklärungskampagnen und Initiativen, die die traditionelle Rollenverteilung infrage stellen. Seit dem Mord an Hatun Sürücü sind auch Schulsozialarbeiter viel sensibilisierter und bemerken Probleme von jungen Migrantinnen mit ihren Familien schneller. Und es gibt ein engmaschiges Netz von Hilfsmaßnahmen. In der Familie Sürücü aber hat sich offenbar nichts geändert. Ich beobachtete auf Facebook, wie sich der Todesschütze Ayhan Sürücü über Feministinnen auslässt und anderes.

Ihr Vater musste eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren verbüßen und lebt inzwischen in der Türkei.
Ich habe ihn 1997 angezeigt. Meine Stiefmutter hatte ihn auch wegen Vergewaltigung in der Ehe angezeigt. Die ist ja erst seit 1997 in Deutschland strafbar. Das floss in das Strafmaß mit ein. Die seelischen Grausamkeiten und körperlichen Züchtigungen mir gegenüber waren strafrechtlich noch nicht relevant. Erst seit dem Jahr 2000 kann jede elterliche Gewalt gegen Kinder strafrechtlich verfolgt werden.

Haben Sie Kontakt zu Ihren Eltern?
Ich habe meinen Vater seit der Verhandlung nicht mehr gesehen. Ich hatte Angst vor ihm, bin untergetaucht und habe so gut es geht anonym gelebt. Meine Mutter habe ich 2013 getroffen. Sie lebt mit einer neuen Familie in der Türkei.

Was raten Sie Mädchen und Frauen, wenn sie unterdrückt und geschlagen werden?
Häusliche Gewalt verletzt und zerstört das Selbstwertgefühl. Die Betroffenen schämen sich, je länger sie Gewalt ausgesetzt sind. Deshalb sollten sie sich so schnell wie möglich an Beratungsstellen oder an die Polizei wenden. Die Falle ist, dass den Opfern suggeriert wird, ohne Familie seien sie nichts wert. Deshalb versuchen viele Opfer, sich wieder mit der Familie zu versöhnen. Aber Familien, in denen Gewalt und Unterdrückung herrscht, sind nicht zu Kompromissen bereit. Man muss sie manchmal aufgeben, um weiterleben zu können. Ich kann sagen: Es gibt ein Leben nach der Familie.

Das Gespräch führte Sabine Beikler.

Meral Al-Mer, 34, ist Journalistin, Sängerin und Schulsozialarbeiterin. Sie war in der fünfköpfigen Jury für den Hatun-Sürücü- Preis. Al-Mer hat für Veröffentlichungen Preise erhalten.

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