Berlin : Merkel unser

Er betet für Kanzlerin und Koalition – Tag für Tag. Ein Berliner erbittet Gottes Segen auch für die SPD.

Moritz Herrmann

Einmal, da stand Klaus-Helge Schmidt vor dem Büroleiter eines Ministers, er erzählte ihm, was er macht, und der Büroleiter begann zu weinen. Wir fühlen uns oft so allein, sagte der Büroleiter. Als wären wir von allen verlassen, verstehen Sie? Wir können das gut gebrauchen. Der Büroleiter schluchzte. „Ich danke Ihnen.“

Klaus-Helge Schmidt ist Theologe, gebürtiger Berliner, 58 Jahre alt, und er bittet Gott, Politikern Kraft zu geben und Orientierung, Erleuchtung und Einsicht. In der Hauptstadt leitet Schmidt den Dienst „Gebet für die Regierung“, mit seiner Frau Gabriele, halbtags. Er arbeitet auch in einer Klinik, das ist sein Broterwerb, aber das Gebet für die Regierung, das ist der – ehrenamtliche – Job fürs Herz. „Es ist sehr einfach, zu lästern und zu maulen“, sagt Schmidt. „Aber unsere Politiker zahlen einen hohen Preis, sie stellen sich Kritik und sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Für dieses Engagement wollen wir ihnen danken.“

Schmidts Gestik ist ausladend, er zitiert aus der Bibel. Dort ist sein Auftrag beschrieben: „Ich ermahne nun vor allen Dingen, dass Flehen, Gebete, Fürbitten, Danksagungen getan werden für alle Menschen, für Könige und alle, die in Hoheit sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen“, Timotheus 2, 1–2. Auch Apostel Paulus rief dazu auf, für die Regierung zu beten, und bei Jeremia 29, 7 heißt es: „Suchet den Frieden der Stadt, in die ich euch gefangen weggeführt habe, und betet für sie zum Herrn.“

Parteipolitisch festlegen will sich Schmidt nicht, seine Andachten sind für alle Politiker und Staatsdiener, alle Helfer der deutschen Demokratie, gedacht. Begonnen hat alles 2001. Damals wohnte und wirkte Schmidt in Tübingen. „Wir haben als Nation so viel Leid, Mord und Zerstörung über das jüdische Volk gebracht, dass wir eigentlich den Fluch Gottes verdient haben. Dass es uns als Nation noch gibt, und das sogar wiedervereint, ist für mich einer der größten Gnadenerweise in der Geschichte“, sagt er. Die Tübinger waren dankbar, und danken wollten sie denen in Verantwortung. Die Katholische Gemeinde entsandte Schmidt mit Gattin nach Berlin. Das Paar wirbt für das Gebet mittlerweile im Web, am Telefon, persönlich. Fast wöchentlich findet eine Andacht in Räumen des Reichstags statt. Das Ziel: die Politiker rund um die Uhr zu bebeten. Dafür müssten die Schichten aber deutschlandweit aufgeteilt werden. Derzeit ist etwa ein Viertel der Schichten besetzt, Tendenz steigend. Momentan gibt es Überlegungen, einen Verein zu gründen, um Spenden zu sammeln.

Sogar auf ein Foto mit dem Bundespräsidenten hat es Schmidt schon geschafft. Am Tag der offenen Tür stellte er sich im Schloss Bellevue vor. Joachim Gauck sagte: „Ich bin zwar nicht die Regierung. Aber ich bedanke mich.“ Die Fotos zeigen Schmidt, den Regierungsbeter, und Gauck, ehedem Pfarrer, im innigen Dialog. Und wofür beten die Gläubigen in Zeiten der Koalitionsverhandlungen?

Schmidt erinnert sich an 2005. Damals, nach der Bundestagswahl, waren die Parteien mehr denn je entzweit, Gerhard Schröders Krawallauftritt in der Elefantenrunde hatte die Atmosphäre vergiftet. Union und SPD stritten. Bis zu jenem Moment, als ein Koalitionär sagte, was soll das, haben wir nicht eine Verantwortung?

Man raufte sich schließlich zur großen Koalition zusammen. „Das entsprach exakt dem, wofür wir gebetet hatten“, sagt Schmidt. Vielleicht kann es wieder so laufen. Wieder steht eine große Koalition zur Debatte, wieder sind Koalitionsverhandlungen Thema der Gebete, die manchmal auf Unverbindliches zielen, öfter aber auf konkrete Probleme: Haushalt, Finanzkrise, NSA, NSU. „Ich bin kein Besserwisser, ich weiß nicht, wie man mit Snowden umgehen sollte. Aber ich glaube, dass Gott eine gute Lösung kennt und dass die bei den Verantwortlichen ankommt“, sagt Schmidt. Und wenn die Koalitionäre in dieser Woche doch einen Konsens finden, wird Schmidt wissen: Er hat alles für göttlichen Beistand getan.Moritz Herrmann

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