Messe-Nord : Erfrorener Obdachloser: Er starb in der Ecke

Jahrelang war der S-Bahnhof Messe-Nord sein Zuhause: Den Obdachlosen haben täglich Tausende gesehen, gekannt hat ihn niemand. Jetzt ist er erfroren.

Gabriele Baertels
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In seinem Revier. An der Neuen Kantstraße saß der Mann immer, im Sommer und im Winter, seit Jahren. -Foto: Gabriele Baertels

An der S-Bahn-Station Messe-Nord stand vor einigen Tagen ein Notarztwagen. Sanitäter knieten in der Halle und machten Wiederbelebungsversuche. Sie knieten genau in der Ecke, in der er immer hockte, wenn es knackend kalt war.

Wie er heißt, weiß ich nicht, obwohl ich ihn seit Jahren kannte. Eines Tages war er aufgetaucht, ein großer, abgerissener Obdachloser mit Vollbart und auffallend langsamen Bewegungen, er ließ sich am gegenüberliegenden S-Bahn-Ausgang nieder, auf der Fußgängerbrücke über den Autobahnring, über die man zur U-Bahn Kaiserdamm gelangte. Dort lehnte er den ganzen Tag im Verkehrsrauschen am Geländer, schaute den Passanten zu, die von S-Bahn zu U-Bahn wechselten, hatte einen Pappteller vor sich stehen, der mit einem Stein beschwert war. Seine Habseligkeiten lagerten in einer Ecke. Hatte er genug Geld gesammelt, so stieg er gemächlich auf den S-Bahnsteig hinab, am anderen Ende wieder hoch in die Halle, dort kaufte er Kaffee im Becher. Mit Alkohol sah ich ihn nie, obwohl er welchen getrunken haben muss, denn er torkelte gelegentlich, seine Augen waren rot, seine Nase stark vergröbert. Seine Habseligkeiten blieben unbewacht zurück, oft auch ein paar Münzen auf dem Pappteller, die nahm nie jemand weg.

Er mochte um die fünfzig sein, vielleicht älter. Er war nie aufdringlich, sondern würdevoll und höflich, sein Bart ordentlich gestutzt. Bei Regen hockte er auf den überdachten S-Bahn-Treppenstufen. Nicht selten saß jemand vor oder neben ihm und führte eine kleine Unterhaltung, ganz normale Leute waren das. Auch ich grüßte ihn. Manchmal nickte er zurück, manchmal winkte er. Manchmal hatte ich keine Lust, ihn anzuschauen, und guckte stur vorbei, hatte dann aber ein schlechtes Gewissen. Seine freundliche, zurückhaltende, alltägliche Gegenwart nahm der Großstadt an dieser Stelle viel von ihrer Anonymität. Er hatte sich Vogelfutter besorgt und begann die Tauben zu füttern. Sie flogen vom Bahnhofsdach herunter, umringten ihn, pickten Körner und Krümel aus seiner großen, groben, rissigen Hand. Eines Tages fragte ich, ob ich das fotografieren dürfe, und er rief mit seiner rauen Stimme über den Autobahnlärm, dass er die Vögel trainiert habe, Punkt 15 Uhr zur Fütterung zu kommen. Bereitwillig lockte er sie für mich an und fing mit schnellem Griff eine weiße, hielt sie sicher in den Händen, streichelte sie mit den Daumen. „Ick hab och Füchse“, sagte er, „die kriechen in meinen Schlafsack.“ Wo das sei? Er deutete irgendwohin. „Ganz junge Füchse! Die mögen mich.“

In einem Obdachlosenheim übernachten, nee, das wolle er nicht. „Nie! Ick muss draußen sein.“ Seine Jeans war hochgerutscht, und er hatte eine offene, grindige Wunde an der Wade.

Das Fahrgastaufkommen am S-Bahnhof steigt deutlich, wenn große Messen stattfinden. Einmal bastelte er aus einer großen Pappe ein Schild und befestigte es mit Schnüren am Brückengeländer. Darauf stand in schiefen, großen Buchstaben: „U-Bahn Kaiserdamm“, darunter ein Pfeil. Er lachte, als ich im Vorbeilaufen den Daumen hochhielt. „Die Leute finden die U-Bahn nicht. Sie fragen dauernd. Das nervt.“ Tage später war das Schild verschwunden, und er versank wieder in Lethargie. Manchmal grüßte er nicht, sondern stierte vor sich hin, bemerkte nicht einmal mehr seine Tauben, die um ihn herum rieselten, gurrten und nickten.

Wo er schlief, wusste ich nicht, aber ich sah ihn morgens unter meinem Fenster am Lietzenseepark entlangschlurfen, in den letzten Jahren mit einem Wägelchen und immer schwerer werdenden Schritten. In diesem Winter hatte er irgendwoher eine Daunenjacke, die sah von Weitem richtig schick aus, weiß, rot und schwarz. Sein voller, lockiger Bart war weiß geworden, er stutzte ihn nicht mehr, mit seiner Mütze sah er aus wie Nikolaus. Nur seine Haut war sehr, sehr rot und seine Nase sehr, sehr groß und seine Hände sehr, sehr rissig. Und ich dachte, dass jemand helfen müsse, denn er wirkte krank, müde und verzweifelt. Aber ich war es nicht, die einen Versuch unternahm.

Im S-Bahnhof, in der Ecke, in der er immer saß, stehen nun zehn rote Kerzen, ein Blumenstrauß, sogar eine Gedenkkarte. Er ist also tot. Es trauern also Leute um ihm. Gabriele Baertels

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