Berlin : Messer-Attacken „fast schon Alltag“

Jugendlicher niedergestochen – mit Notoperation gerettet Experte warnt vor zunehmender Gewaltbereitschaft

Werner Schmidt

Sein Leben hat der 15-jährige Eugen F. wohl der Kunst der Ärzte zu verdanken. Der russischstämmige Jugendliche war Sonnabendnacht auf dem U- und S-Bahnhof Wittenau in Reinickendorf niedergestochen worden. Durch eine Notoperation wurde er gerettet. Sein 16-jähriger Freund Alexander L. bekam einen Stich in die Hand ab. Die Täter, die nach Auskunft der Polizei mit zwei 20 bis 25 Zentimeter langen Messern zugestochen hatten, konnten fliehen. Für Reinhard Kautz, der bei der Polizei das Anti-Gewalt-Training leitet, sind Angriffe mit dem Messer „fast schon Alltagssituationen“. Fast jeder Jugendliche trage eines in der Tasche. „Messer machen Mörder“, sagte Kautz.

Eugen F. und Alexander L. waren gegen 21.30 Uhr auf dem Weg zur U-Bahn im Eingangsbereich des Bahnhofs von vier vermutlich arabischen oder türkischen Jugendlichen überfallen worden. Ohne Warnung, ohne dass es zuvor Streit gegeben hatte, heißt es im Polizeibericht. Die vier Angreifer verfolgten die beiden Jungs, es fielen Worte wie: „Du stirbst jetzt“ und: „Wir bringen euch um.“ Zwei aus der Gruppe der vier Angreifer hielten lange Messer in den Händen, dann stachen sie zu. Eugen F. wurde von hinten getroffen, die Klinge verletzte ihn am Oberschenkel. Die Wunde blutete stark. Ob die Oberschenkel-Schlagader verletzt wurde, war gestern nicht zu erfahren. Der andere Junge, Alexander L., zog sich eine Wunde an der Hand zu, als er den Angreifer abwehrte. Von den Tätern gibt es nur vage Beschreibungen: 16 bis 18 Jahre alt, kurze, dunkle Haare, mit College-Jacken bekleidet.

Der blutige Angriff hätte sich überall im Märkischen Viertel ereignen können, sagte ein Polizeibeamter des zuständigen Abschnitt 16. Dass der Kampf sich ausgerechnet im Bereich des U-Bahnhofes ereignet habe, sei wohl eher eine Ausnahme. Der Beamte hält die Darstellung der beiden Opfer nicht für vollständig: „Es wird sicherlich ein Vorspiel, einen Streit zum Beispiel, gegeben haben.“ U- und S-Bahnhöfe seien nicht einmal besonders häufig Tatorte, sagt Reinhard Kautz. Aber das Messer sei eine „beliebte Waffe“. Es werde „draußen auf der Straße“ nahezu selbstverständlich eingesetzt . Die in der Vergangenheit besonders häufig verwendeten Butterfly- und Springmesser sind inzwischen verboten. Wer ein Messer angeblich zur eigenen Verteidigung bei sich trage, sagt Kautz, sei schlecht beraten, denn es sei die denkbar schlechteste Waffe. „Um jemand abzuwehren, muss ich ihn schon fast abstechen.“ Sehr schnell werde dann das Opfer zum Täter.

Dass Messer immer häufiger bei Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen unterschiedlicher ethnischer Gruppen eingesetzt werden, ist für Kautz nicht belegt. Allerdings wird auch bei Überfällen immer häufiger zum Messer gegriffen: Am 30. Dezember wurde beispielsweise ein 34-jähriger Imbissbesitzer in Neukölln niedergestochen. Beim Streit mit dem Türsteher einer Weddinger Diskothek erlitt im April 2002 ein 21-jähriger Mann schwere Stichwunden. Und im Oktober wurden ein 39-jähriger Iraner und dessen Freundin in Charlottenburg Opfer eines Messerangriffs. Täter war ein Landsmann, das Motiv vermutlich Rache.

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