Berlin : Messerscharf kombiniert

Rechtsmediziner Volkmar Schneider erinnert an berühmte Kriminalfälle

Werner van Bebber

Volkmar Schneider ist ein unzeitgemäßer Mann. Der Berliner Rechtsmediziner behauptet den Anspruch auf Diskretion in einer Zeit, in der Pathologen zu Krimiserienhelden geworden sind. Und während in allen möglichen Krimis das Opfer eines Verbrechens zum letzen Mal der Sensationslust des Lesers oder Fernsehguckers geopfert wird, schließt Volkmar Schneider die Tür zum Sektionssaal vor neugierigen Blicken. In seinem Rückblick auf Jahrzehnte in der Rechtsmedizin gibt er sich als Erzähler des gewaltsamen Todes, nicht als dessen Inszenierer.

Das ist nur auf den ersten Blick ein wenig schade. Der Mann mit dem wunderbar virchowesken weißen Kinnbart und dem geschliffenen Vortragsstil hat die Leichen prominenter Menschen auf dem Seziertisch gehabt – Menschen, deren Tode Zeitgeschichte schrieben, von Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 von einem Polizisten erschossen wurde, bis zu den drei Toten beim Sturm auf das israelische Generalkonsulat im Februar 1999. Da würde jede reportage- oder kolportagehafte Drumherumschreiberei den ohnehin faszinierenden Blick des Pathologen noch bereichern. Aber Schneider hält sich zurück. Nüchtern berichtet er von Schusswunden und deren Wirkung, erläutert, warum bestimmte Verletzungen tödlich sind, andere nicht, und bleibt dabei stets deutlich diesseits der Diskretionsgrenze. Undenkbar, dass er eine Bemerkung machte von der Art: „Niemals sah ich eine brutaler aussehende Austrittswunde, ich ahnte schon das Kaliber der Waffe...“

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Schneider fände so etwas nur geschmacklos. Und man ahnt, warum dieser Mann alles Todes-Sensationelle vermeidet. Schneider ist erstens ein Naturwissenschaftler reinsten Wassers und als solcher am Ergebnis interessiert, nicht an der literarischen Darbietung der Umstände. Zweitens hat er im Lauf seines Berufslebens so viele traurige Todesfälle gesehen, dass er weiß: Wer mit den Geschichten der Toten auf dem Seziertisch indiskret umgeht, verletzt ihre Würde. So liest man etwa über das Ehepaar Scholz – der Boxer Bubi Scholz erschoss im Juli 1984 seine Frau durch eine geschlossene Toilettentür – , dass der Alkohol im Leben der beiden „in letzter Zeit wohl eine ganz erhebliche Rolle gespielt haben dürfte“. Das ist deutlich genug. Schneider setzt, was die Umstände der „brisanten Fälle“ anbelangt, auf die Fantasie seiner Leser. Denkt man an den kleinen Jungen, der im November 2001, von seiner Mutter verlassen, in einer vermüllten Wilmersdorfer Wohnung verdurstete und verhungerte, ist man dem Pathologen sogar dankbar für all das, was er nicht schreibt. „Alisan verdurstete in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses. Jeder, der dort lebte oder zu Besuch kam, ging an einer Tür vorbei, hinter der ein Kind war, das litt, das weinte und das schließlich starb. Dafür, wie für das Verhalten der Mutter, findet man keine Worte.“ So ist es wohl.

— Volkmar Schneider: Brisante Fälle auf dem Seziertisch. Zeitzeuge Rechtsmedizin. Militzke Verlag, Leipzig. 224 Seiten, 19,90 Euro

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