Berlin : Messerstecher bestreitet weiter die Tat

Der Jugendliche will es nicht gewesen sein – doch mehrere Zeugen konnten ihn als Angreifer identifizieren

Tanja Buntrock

Der 16-jährige Frank P. (Name geändert), der nach der Eröffnungsfeier des neuen Hauptbahnhofes bei einem Amoklauf 35 Menschen durch Messerstiche oder Faustschläge verletzt haben soll, bestreitet weiterhin jede Tatbeteiligung. Er habe einen „Filmriss“, weil er so betrunken gewesen sei, sagte er bei der Vernehmung aus. „Das widerspricht sich: Einerseits will er die Tat nicht begangen haben, andererseits kann er sich an nichts erinnern“, sagte der Leiter der 3. Mordkommission, Klaus Ruckschnat. Seit Samstagabend sitzt der Hauptschüler aus Neukölln in Untersuchungshaft.

Nach der Festnahme wurde dem Jugendlichen Blut entnommen: Die Analyse darüber, wie hoch der Alkoholgehalt war und ob der Jugendliche auch Drogen genommen hat, „liegt uns erst Mitte nächster Woche vor“, sagt Ruckschnat. Mit weiteren „aufregenden Ermittlungsergebnissen“ rechnet er in nächster Zeit nicht. Den Beamten war es noch in der Nacht nach der Tat gelungen, rund 100 Zeugen und Opfer zu befragen. „Unter den gegebenen Umständen war das eine sehr gute Leistung“, sagt Ruckschnat. Schließlich seien unter den Zeugen und Verletzten viele Berlin-Besucher gewesen, „die erst einmal ausfindig gemacht werden mussten“.

Die nach der Tat einberufene „Besondere Aufbauorganisation“ mit rund 50 Kripobeamten wurde gestern wieder aufgelöst. Nun liegt der Fall bei der 3. Mordkommission, die von Ermittlern anderer Mordkommissionen unterstützt wird. „Wir kennen jetzt ziemlich genau den Tatablauf“, sagte Kriminalhauptkommissar Ruckschnat. Demnach war Frank P., wie berichtet, mit Freunden am Freitagabend auf der Eröffnungsfeier des neuen Hauptbahnhofs. Bereits vor der Bühne am Washingtonplatz sei der betrunkene Jugendliche aufgefallen, wie Zeugen später berichten: Er habe andere Feiernde „verbal belästigt“ und auch angerempelt, wie Ruckschnat erzählt. Dann verschwand er aus der Gruppe seiner Freunde und zog alleine weiter. Unmittelbar am Reichstag, am Friedrich-Ebert-Platz, stach er um 23.30 Uhr auf das erste Opfer ein. Sein Amoklauf führte durch die Menschenmenge bis zum Kapelle-Ufer (siehe Grafik). Dort boxte er einer jungen Frau in den Bauch. Ein Mitarbeiter der Sicherheitsfirma, die die Feier bewachte, sah dies und hielt den 16-Jährigen fest. „Zwei Funkstreifenbeamte, die von Zeugen auf den Messerstecher aufmerksam gemacht wurden, waren schon dabei, den Weg des Jugendlichen nachzufolgen“, erklärt Ruckschnat. „Da ist er“, sagte am Kapelle-Ufer dann einer der Zeugen zu den Beamten. Daraufhin nahmen die Polizisten Frank P. um 23.46 Uhr fest. Bei der Kripo erkannten ihn weitere acht Zeugen als Täter. Ihnen waren Fotos vorgelegt worden. „Diese acht Zeugen sind schon eine ganze Menge“, sagt Ruckschnat.

Das Messer hatte die Kripo sofort sichergestellt. Aus ermittlungstaktischen Gründen wird aber zur Art des Messers oder zur Frage, ob der Täter es bereits vorher verloren hatte, nichts gesagt. Auch Hinweise, dass es sich bei der Tatwaffe um ein Schweizer Messer handeln soll, wollte Ruckschnat nicht kommentieren.

Ob Frank P. psychische Probleme hat oder eine Psychose ausgelöst worden ist, sei ebenfalls Gegenstand der Ermittlungen. „Die Staatsanwaltschaft wird einen Gutachter beauftragen. Auch wir haben uns Beratung bei Psychologen geholt“, sagt Ruckschnat. Bislang gebe es aber keinen Hinweis auf eine Psychose. Die Frage, die jetzt zu klären sei, formuliert der Chef der 3. Mordkommission so: „Wie kommt es, dass ein Jugendlicher, der bislang nicht sonderlich in Erscheinung getreten ist und in einem relativ gefestigten Elternhaus lebt, unter Alkohol eine solche Tat begeht?“ Der Auslöser für diese Tat werde nun gesucht.

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