Berlin : Messerstich nach fast 50 Jahren Ehe

Kurz vor der Goldenen Hochzeit: 69-jährige Frau wegen Tötung ihres 72 Jahre alten Mannes vor Gericht

Katja Füchsel

Es klingt eher wie eine Liebeserklärung als wie ein Geständnis. Rita P. knetet ein Taschentuch zwischen ihren Händen, seufzt und ringt nach Worten, um der Richterin ihren Ehemann Heinz zu beschreiben: Er war immer lieb, sagt sie. Er hat mir immer im Haushalt geholfen. Er hat mir jede Woche einen Blumenstrauß gekauft. „Wir hätten vorgestern Goldene Hochzeit gehabt, 50 Jahre“, schluchzt Rita P., Angeklagte im Moabiter Kriminalgericht; es ist der erste Prozesstag. Rita P. ist 69 Jahre alt, Mutter von vier erwachsenen Kindern, sie trägt die Haare blondgefärbt, eine goldfarbene Brille, der Schmuck passt dazu.

Ihren Hochzeitstag hat Rita P. im Gefängnis verbracht, allein. Ihr Mann, ein 72-jähriger Busfahrer im Ruhestand, war Anfang Juni auf dem Küchenfußboden von innen verblutet. Bevor Rita P. den Notarzt in ihre Wohnung in Wedding rief, wusch sie das blutverschmierte Küchenmesser, säuberte die Wunde ihres Mannes mit einem Schwamm, klebte ihm ein Pflaster auf die Brust, putzte den Fußboden, warf sein blutiges Hemd fort und polierte die Weingläser. „Ich war völlig durcheinander“, sagt die Angeklagte.

Dabei hatte der Tag so friedlich begonnen. Gemeinsamer Besuch beim Orthopäden, später Mittagsschlaf, Kaffeetrinken, Einkaufen, ein Gesellschaftsspiel. „Und dann wollten wir uns zusammen einen Videofilm ansehen“, sagt Rita P. Doch während die Hausfrau in der Küche noch schnell die Katzen fütterte, hörte sie „in der Stube“ ihren Mann an der Bar mit der Cognacflasche hantieren. Als er vorm Fernseher auch noch dem Rotwein zugesprochen habe, sei es mal wieder zum Streit gekommen, da habe ein Wort das andere gegeben: Trink nicht so viel… Lass mich doch in Ruhe… Dann kannste wieder nicht dem Film folgen… Ich hab dich endgültig satt… undsoweiterundsofort.

So ist es im Haushalt P., wenn man der Angeklagten glauben will, wohl schon öfter gewesen. Heinz P. zog sich dann erst einmal in die Küche zurück, seine Frau folgte ihm nach zehn Minuten und bat: „Komm, Papi, wir vertragen uns wieder!“ Auch soweit schon öfter mal geschehen. Nur: Dieses Mal sei ihr Heinz so aggressiv geworden. Er habe „Ausdrücke“ benutzt, sie beschimpft – immer schlimmer. Als Heinz dann auf sie zukam, mit ausgestreckten Händen, habe sie hinter sich gegriffen, im Messerblock einen Griff ertastet und mit der Waffe in der Hand gerufen: „Bleib mir vom Leib!“ Ein tragischer Unfall, sagt sie weinend, habe ihren betrunkenen Mann in das Messer stolpern lassen. Woran die Staatsanwältin dann doch erhebliche Zweifel hegt, schließlich drang die Klinge 6,5 Zentimeter tief in die Brust. Aber Rita P. bleibt dabei – und sie schwört außerdem, dass sie selbst an dem Abend höchstens „zwei Gläser Wein“ getrunken habe. Auch, wenn man ihr vorhält, dass die Polizei im Müll eine leere Schnapsflasche fand und dass die Ermittler knapp zwei Promille im Blut von Rita P. gemessen haben. Die Richter, die Staatsanwältin, der Verteidiger – alle beißen bei ihr da auf Granit. „Nee, Schnaps trinke ich nicht“, sagt sie. „Nie.“

Plötzlicher Herztod – das dachte der Notarzt, als er in die Küche trat, wo Heinz P. lag, scheinbar unversehrt, mit einem Pflaster auf der Brust. Dem Arzt gelang es nicht, den Mann zu retten. Rita P. ringt immer wieder weinend mit den Händen: „Wenn er nicht getrunken hätte, wäre das nicht passiert. Wir hatten doch nicht mal Abendbrot gegessen.“

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