Berlin : Metropole der Maler

Ob auf der Documenta, der Biennale, den Kunstmessen oder in New Yorker Szenetreffs: Überall schwärmt man von der Kunststadt Berlin. Billige Ateliers, ungewöhnliche Ausstellungsorte und junge Galerien locken internationale Künstler an, die ein neues Bild der Stadt prägen

Christina Tilmann

Pleite hin, Sparzwang her – Berlin gilt derzeit international als bedeutendes, wenn nicht bedeutendstes Zentrum zeitgenössischer Kunst. Der Name der Stadt glänzt in der Kunstszene wie sonst vielleicht nur im Bereich der klassischen Musik. Bilder aus Berlin sind mehr und mehr ein begehrter Exportartikel. Als zum Beispiel vor zwei Wochen in London die neue Kunstmesse „Frieze Art Fair“ eröffnet wurde, war Berlin einer der stärksten Teilnehmer: Mehr als ein Dutzend Galerien waren von der Spree an die Themse gereist, darunter Häuser wie carlier gebauer, Contemporary Fine Arts, Eigen + Art, neugerriemschneider und Nordenhake. Auch auf der „Art Basel Miami“, die im vergangenen Jahr erstmals ihre Tore öffnete, setzte Berlin mit 13 Galerien einen Schwerpunkt. Und in New Yorks Szenetreff „P.S.1“ präsentierte der rührige Chef der Berliner Kunst-Werke, Klaus Biesenbach, vor vier Jahren eine ganze Ausstellung namens „Children of Berlin“: Berlin war, nach den begeisterten Reaktionen des Publikums zu schließen, diesmal sogar hipper als New York.

Kunstmetropole – diesen Rang hat sich Berlin, trotz der Museumsinsel, nicht so sehr als Mekka der Museen und internationalen Großausstellungen verdient. Da sind London und Paris, New York und Wien, ja sogar Frankfurt, München oder Köln/Düsseldorf interessanter, innovativer, auch finanziell besser ausgestattet. Sprach man in letzter Zeit von neuen Museen oder spannenden Ausstellungen, dann ging es um die Pinakothek der Moderne in München, um das K 21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, um Kaspar Königs Neustart am Museum Ludwig in Köln oder auch um Max Holleins Übernahme der Frankfurter Schirn. Von der Neuen Nationalgalerie oder vom Hamburger Bahnhof hört man dagegen wenig.

Andererseits: Die Künstler, die in den glanzvoll eröffneten Häusern präsentiert werden, Daniel Richter oder Magnus von Plessen in Düsseldorf, Thomas Demand oder Maria Eichhorn in München, sie kommen zu einem Großteil aus Berlin. Und nicht nur sie: Olafur Eliasson, der Kunst-Superstar, der im Sommer den dänischen Pavillon auf der Biennale in Venedig bestückte und gerade in der Londoner Tate Modern mit einer grandiosen Installation zu sehen ist, lebt in Berlin. Ebenso Rebecca Horn und Katharina Sieverding, die an der Universität der Künste lehren. 19 Künstler der letztjährigen Documenta 11 in Kassel, darunter Altmeister wie Isa Genzken und Ulrike Oettinger und Jungstars wie Manfred Pernice und John Bock, arbeiten zumindest zeitweise in der Stadt. Carsten und Olaf Nicolai mit ihren Installationen, Maria Eichhorn und Monika Bonvicini und mehr als die Hälfte aller Künstler, die der Frankfurter Kunstverein im Frühjahr in einer heftig diskutierten Ausstellung als „deutschemalereizweitausenddrei“ vorstellte, wohnen in Berlin.

Viele von ihnen kamen in den letzten Jahren hierher, angelockt durch billige Mieten, viel Atelierplatz, günstige Arbeitsbedingungen und ein lebendiges Umfeld. Sie haben Berlin zur neuen Kunsthochburg gemacht. Und die nächste Generation, noch nicht berühmt, doch schon ein Geheimtipp, steht bereit. Nur in der Stadt selbst, die wie besessen auf das finanzielle Loch in ihrer Kasse starrt, ist das noch nicht durchgesickert. Das Art Forum, die 1996 gegründete Berliner Kunstmesse, jammert jedes Jahr erneut darüber, dass eine solvente Sammlerklientel, vergleichbar der im Rheinland, in Berlin noch nicht wieder Fuß gefasst hat. Alteingesessene Institutionen wie die Berlinische Galerie oder die kommunalen Galerien leiden unter finanziellen Engpässen – und darunter, dass sich der Kunstfokus verlagert hat.

Alles kreist um die Galerienszene, die sich Anfang der 90er Jahre rund um die Auguststraße etablierte und sich inzwischen bis zur Zimmerstraße oder an die Jannowitzbrücke ausgebreitet hat. Viele der Galeristen, selbst noch am Anfang ihrer Karriere, haben in Berlin ihr Glück gemacht und sind inzwischen auf allen großen Messen mit Star-Angeboten vertreten. Zum regelmäßig stattfindenden Galerienrundgang findet sich das gleiche Szenepublikum ein wie zu den Ausstellungseröffnungen in den Kunst-Werken. Die Grenze zwischen Galerie und Lounge, Eröffnung und Event ist fließend.

Und nicht nur das, auch die Präsentationsorte haben sich verändert. Sei es ein Bunker unter dem Alexanderplatz oder die Backfabrik am Prenzlauer Berg, ein Umspannwerk am Humboldthain, die noch nicht eröffnete U-Bahn-Station am Reichstag oder doch die malerische Ruine des Tacheles: Manchmal ist die Location mindestens ebenso spannend wie die Kunst, die dort gezeigt wird. Kunststadt Berlin – das erfordert manchmal eher den Blick eines Pfadfinders als den des klassischen Museumsbesuchers. Viele Künstler, die wir in den nächsten Wochen vorstellen, haben sich in ihren Bildern mit der gewandelten Stadt auseinander gesetzt. Auf dass ein neues Berlin-Bild entstehe.

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