• Mia Lawerenz Geb. 1924: Nach fast vierzig Jahren kam sie zurück nach Potsdam, um ihr Geburtshaus zu suchen. Sie fand es - und in der Fassade waren noch immer die kleinen Krater der Granatensplitter zu sehen.

Berlin : Mia Lawerenz Geb. 1924: Nach fast vierzig Jahren kam sie zurück nach Potsdam, um ihr Geburtshaus zu suchen. Sie fand es - und in der Fassade waren noch immer die kleinen Krater der Granatensplitter zu sehen.

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Im Jahr 1990 fuhr Mia Lawerenz wieder nach Potsdam. Sie spazierte durch die Geschwister-Scholl-Straße, auf ihr Geburtshaus zu. Es war ein schwerer Gang, sagt ihre Tochter heute. Mia Lawerenz öffnete die Haustür, beim Näherkommen hatte sie schon den Fassadenputz wiedererkannt. Die kleinen Krater, die die Granatensplitter und Querschläger des Kriegsendes in ihn hineingerissen haben, waren noch da. Sie ging an der Kellertreppe vorbei, deren Steinstufen ausgetreten waren wie schon damals 1945, als sie mit den Eltern hinunter stürmte aus Angst vor den anrückenden Russen. Weiter durch den Hausflur, Mia Lawerenz zieht die Tür zum Hof auf, und die alte Schaukel, die sie da erblickt, steht an derselben Stelle wie die aus ihrer Kinderzeit. Vielleicht ist sie es sogar.

Die Zeit war an Mias Elternhaus spurlos vorbeigegangen, wie an vielen Orten in Potsdam; an Mia Lawerenz nicht. Sie hatte sich verändert. Wie sich eine eben verändert nach 38 Jahren. So lange war sie weg, nicht weit entfernt, aber dennoch Welten. Nach Charlottenburg ist sie gegangen, später nach Lankwitz, als sie die DDR satt hatte. Ihr Mann ist dort einige Zeit eingesperrt gewesen, keiner wusste warum, sagt Mias Tochter. Im Jahr 1952, als die Geheimdienste des Ostens rege dabei waren, Menschen aus den West-Sektoren der Stadt zu verschleppen, ging das junge Paar weg.

Schwärmen vom Glanz

Die Momente, in denen der Mensch auf seine Vergangenheit trifft, sind gemeinhin melancholiesatt. Melancholie ist schön, Mia Lawerenz quälte sich. Obwohl sie alles wiedererkannte, alte Bekannte traf, war es nicht mehr ihr Potsdam, sagt die Tochter. Denn zumindest eine Spur hatte die vergehende Zeit in der Stadt hinterlassen. Der Glanz fehlte, die Residenzstadt war vergammelt. Vom Glanz, von der Opulenz schwärmte Mia, von den Offizierskindern, die mit ihr zur Schule gingen auch. Die weißen Handschuhe, die sie zu Sonntagsausflügen tragen musste, die hasste sie allerdings. Die Kindheit mit all der Aristokratie um sie herum prägte sie fürs Leben. Ihre Eltern waren Beamte und sie selbst hätte es gern gesehen, wenn einer ihrer Schwiegersöhne ein Graf oder vielleicht auch ein Doktor gewesen wäre. Ihre Töchter taten ihr nicht den Gefallen, wo sollte man die auch herbekommen in West-Berlin. Stattdessen zogen die Mädchen mit ihren Lebensgefährten zusammen, ohne vorher geheiratet zu haben.

Das tat Mia Lawerenz schließlich auch. Das heißt, zusammen zog sie mit dem Nachbarn, in den sie sich zwölf Jahre nach dem Tod ihres Mannes verliebt hatte, nicht. Aber sie liebte ihn ohne Heirat. Beide blieben in ihren Häusern wohnen. Denn diese zwölf Jahre haben aus der Dame eine Bürgerliche gemacht, eine moderne Frau. Sie lernte noch einmal einen Beruf und ging arbeiten. Sie hat das Haus abbezahlt, die Ausbildung der Töchter finanziert, Feste gefeiert, Freundschaften gepflegt. Alles aus eigener Kraft. Den letztlichen Triumph des Profanen zu ertragen, das vernachlässigte Potsdam mögen zu können, dafür hat sie nicht mehr gereicht.

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