Berlin : „Mich stört dieses Schulmeisterliche“

Die Band Tocotronic tritt heute beim Polit-Festival „Berlin 05“ auf. Gespräch mit Sänger Dirk von Lowtzow über Pop in der Demokratie, Angela Merkel und Nationalismus

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Die Hamburger Band Tocotronic macht seit über zehn Jahren anspruchsvolle, erfolgreiche Musik. Heute tritt sie beim PolitFestival „Berlin 05“ auf. Felix Serrao sprach mit Sänger Dirk von Lowtzow über das Verhältnis von Pop und Politik.

Neuwahlen: Freuen Sie sich?

Das sind genau die Fragen, die ich ganz bestimmt nicht beantworten werde. Ich finde nichts schlimmer als Musiker, die sich zu tagespolitischen Themen äußern.

Darf man sich in einer Partei engagieren?

Jeder darf alles. Wir werden aber den Teufel tun und Leute davon überzeugen, dass sie das tun müssen. Mich stört dieses Schulmeisterliche.

Andere Künstler und Intellektuelle haben Rot-Grün früher unterstützt. Haben Sie je geglaubt, dass diese Regierung, irgendeine Regierung, die gesellschaftliche Erneuerung hinkriegt?

Nein. Ganz klar. Dafür sind unsere Vorstellungen viel zu verquer, als dass wir uns vertreten fühlen würden. Man kann immer nur das kleinere Übel wählen.

Angela Merkel: Größeres, kleineres Übel?

Es gibt bestimmt weitaus schlimmere Kandidaten als sie. Aber das fällt auch in die erste Frage. Ich finde es unangenehm, wenn Künstler sich parteipolitisch äußern. Das geht niemanden etwas an.

Stellen Sie sich vor, Sie schrieben für die Parteien ein Wahlkampflied…

...das würde ich für keine Partei der Erde tun. Das ist es ja auch, was die Teilnahme an „Berlin 05“ für uns mehr als heikel macht. Wir haben lange darüber diskutiert, weil es in seiner Organisation sehr regierungsnah ist. Aber da statt nur Piercing und Kommerz auch politische Information geboten wird, sagen wir: Das ist schon okay.

Wenn Tocotronic immer sagt: „Wir sind dagegen." Wofür sind Sie denn?

Das ist ja das Angenehme an der Demokratie, dass ich als Künstler dagegen sein kann, so viel ich will. Ich finde es auch nicht nötig, dass man für etwas sein muss. Wir sind für… ich kann Ihnen jetzt tausend Dinge aufzählen.

Nennen Sie mal drei.

Ich kann jetzt nur Banalitäten aufzählen, wie Liebe, Poesie, Freundschaft.

Banal?

Finde ich nicht, aber ich meine nur: Man kann so viel dagegen sein, wie man möchte. Ich finde es schlimm, dass heutzutage Künstler sich berufen fühlen, ständig konstruktiv zu sein. Ich finde Destruktivität durchaus interessant und kreativ.

Was halten Sie von Bands wie Mia, denen manche Pop-Nationalismus vorwerfen?

Wir haben uns nie direkt zu einzelnen Bands geäußert. Wir finden grundsätzlich einen als poppig getarnten Nationalismus sehr, sehr unangenehm.

Werden Sie irgendetwas Politisches sagen, auf dem Konzert heute Abend?

Nein, das sehe ich nicht als unsere Aufgabe an. Das, was uns als Band politisch macht, ist einfach, dass wir in unserer Arbeit das Wissen um die Produktionsverhältnisse, Diskurs, Machtströmungen mit reflektieren. Insofern sind wir als Band schon politisch. Aber ich glaube nicht, dass man politische Reden halten sollte. Das setzt ein unheimlich großes Selbstbewusstsein voraus.

Ist Tocotronic nicht selbstbewusst?

Nein. Selbstbewusste Kunst ist die schlimmste.

Das Konzert mit Tocotronic, den Fantastischen Vier, Kante und anderen Bands beginnt heute, 18 Uhr, in der Wuhlheide, Bühne vor dem FEZ-Gebäude

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